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Wie Anna wirklich starb
Gelesen: sse. War es Mord oder Selbsttötung? Über die Umstände, die 1964 zum Tod von Anna Gerber, Katja Schilds Grossmutter, führten, ist man innerhalb der Familie geteilter Meinung.
Am liebsten legen ihre Kinder den Mantel des Schweigens darüber, bis Journalistin und Enkelin Katja fast 50 Jahre nach dem Unglück anfängt nachzuforschen.

Auf zwei Erzählebenen taucht der Leser nun in den Erstlingsroman der BZ-Redaktorin Sandra Rutschi ein. Im Jahr 1964 durchlebt man zusammen mit Anna Gerber ihre letzten Lebensmonate, bevor sie in der Aare ertrinkt. Man ist mit ihr in ihrem geliebten Schrebergarten, wird Zeuge, wie sie den flüchtigen Jurassier Pierre Bergier kennen und lieben lernt und letztendlich ihr wohlsituiertes, doch trostloses Ehefrauendasein aus den Fugen gerät.

Parallele im heutigen Bern

Parallel zu den Rückblicken findet man sich im heutigen Bern wieder: im Leben der attraktiven, gestressten Singlefrau Katja Schild, die ihr Leben nach ihrem Beruf ausrichtet und dort neu mit dem Dossier des Jurakonfliktes betraut ist. Immer mehr verweben sich die Handlungsstränge miteinander. Die Geschichte des Jurassischen Freiheitskampfes berührt auch das Leben der «Bernerin» Anna Gerber. Dabei windet sich der Krimi «Im Schrebergarten» geschickt um die historischen Ereignisse der Jurafrage. Wie nebenbei lernt der Leser viel über die Entstehungsgeschichte des jüngsten Schweizer Kantons. Mehrmals ist eine Begegnung von Katja Schild und jenem «Franzosen» aus dem Schrebergarten, der laut ihrem Grossvater Anna auf dem Gewissen hat, zum Greifen nah. Geschickt zögert die Autorin diesen Moment hinaus. Immer sorgt ein kleines Schicksalsquäntchen dafür, dass der ehemalige Freiheitskämpfer Pierre Bergier und Katja Schild, die Enkelin seiner damaligen Geliebten, sich stets verpassen, was den Spannungsbogen immer weiter ausdehnt.

Nur der Leser erfährt die Wahrheit

Wie Anna Gerber nun wirklich ums Leben kam, diese Erkenntnis erlangt letzten Endes nur der Leser. Zu gerne würde man Katja Schild am Schluss des Romans ins Ohr flüstern, wie alles wirklich war, an jenem Tag, als Anna Gerber starb. Doch auch wenn die ganze Wahrheit für die Hauptpersonen Katja im Dunkeln bleibt, ist sie doch gereift an dem erlösenden Gefühl, vieles versucht zu haben, was Licht in dieses Familiengeheimnis bringt. Eine lesenswerte Reise zu den menschlichen Schattenseiten, die sich auch hinter ordentlich gestutzten Schrebergartenhecken verbergen.





Sandra Rutschi: Im Schrebergarten. Nydegg Verlag, Bern 2011, 443 Seiten, 39 Franken.
24.11.2011 :: Stephanie Schmid
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