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Chaim Hubers zweites Leben
Chaim Hubers zweites Leben Sumiswald:

Chaim Huber aus Sumiswald ist ein besonderer Künstler in vielerlei Hinsicht. Am Wochenende zeigte er in seinem Atelier Werke «aus seinem zweiten Leben».

Für Chaim Huber ist das Malen und Schnitzen nicht nur ein Hobby, sondern der eigentliche Sinn seines Lebens. Seines zweiten Lebens notabene. Das erste kennt er nur noch vom Hörensagen. Erinnerungen fehlen. Auch vom Unfall weiss er nichts mehr. Doch dazu später mehr. 

Im Atelier des 44-Jährigen herrscht ein paar Tage vor der «Offenen Tür» ein charmant künstlerisches Durcheinander. Knallbunte Bilder, Holzfiguren und Futterhäuschen für Vögel, wohin das Auge reicht. Es ist eine fröhliche Welt am Länggässli 26 – und bei näherem Hinschauen gar nicht so chaotisch. Überall gibt es neue Welten zu entdecken. Hier schwimmen Holzdelphine vor einem Bild in Blautönen, anderswo sind Oster-, und in einem Bereich Weihnachtskunstwerke zu bewundern. Eine Schildkröte bewohnt ihre liebevoll dekorierte Behausung und auf einem Gestell raucht ein fröhlicher Holzmann seine Pfeife. «Diese Figur hat Chaim ganz alleine gemacht», sagt seine Mutter Susanne sichtlich stolz. Denn oft entwirft ihr Sohn die Figuren zuerst auf Papier. Susanne Huber, gelernte Handweberin und Kunstmalerin, kreiert dann aus dem Entwurf eine Form, die einfach zum Sägen ist. Das Sägen übernehmen manchmal befreundete Schreiner. Spätestens dann aber nimmt Chaim Huber wieder das Zepter in die Hand. In seinem «Schnäfustübli» im Generationenhaus von Sumiswald, das er seit vier Jahren bewohnt, wird gefeilt, geschnitzt und gebohrt. Im letzten Jahr konnte der Künstler zusätzlich das Atelier am Länggässli mieten. Hier bemalt er die Holzfiguren und hier entstehen seine Gemälde. Am liebsten arbeitet Chain Huber mit Acrylfarben auf Leinen. Teilweise ergänzt er seine Werke mit Steinen, Muscheln oder anderen Dekorationsmaterialien. Die Bilder entstehen meist aus dem Moment heraus, ohne vorgängigen Plan. «Je nach dem, welche Farben er wählt, kann man gut Chaims Stimmung ablesen», hat Susanne Huber beobachtet. Chaim Huber braucht Zeit, die richtigen Worte zu finden. Etwas, das in seinem ersten Leben, vor dem Unfall, noch kein Thema war.

Vier Monate lang sagte er keinen Ton

Ein aufgestellter Bub sei er gewesen, erzählt Susanne Huber über ihren Sohn. Zeichnen war für Chaim damals eher eine lästige Pflicht für die Schule. Viel lieber halfen er und sein älterer Bruder Titus dem Bauern nebenan im Stall oder auf dem Feld. Doch dann kam der verhängnisvolle Tag, der das Leben des damals 11-jährigen Sekundarschülers und dessen Familie für immer veränderte: Der 8. Mai 1984. Es war ein Verkehrsunfall mit dem Velo. Wie genau es passierte, weiss man bis heute nicht. 

Es folgte eine schwere Zeit für alle Beteiligten. Sechs Wochen lang lag der Teenager im Koma. Nur langsam erwachte er wieder. Doch Chaim konnte weder sprechen, noch sitzen noch gehen. «Vier Monate lang sagte er keinen Ton», erinnerte sich die Mutter. Ausserdem war seine ganze rechte Seite gelähmt – unumkehrbar laut Prognosen der Ärzte. Glücklicherweise täuschten sie sich in diesem Punkt. Dank jahrelangen Therapien und eisernem Willen kann Huber heute wieder recht gut sprechen und gehen. Geblieben sind nebst der Wortfindungsstörung eine Epilepsie und ein Zittern. Zudem sieht er doppelt, was ihm beispielsweise erschwert, Hindernisse unterwegs zu erkennen.

Figuren, Bilder und Collagen

Dennoch, Chaim Huber ist zufrieden mit seinem Leben. Einerseits kann er heute – mit Unterstützung – alleine wohnen. Andererseits hat er ein Hobby, das ihm wirklich entspricht. Zu dieser Leidenschaft gekommen ist Huber übrigens als junger Mann, als er eine Schnupperwoche in der Schnitzlerschule Brienz absolvieren durfte. Seine erste Begegnung mit dem Werkstoff Holz. 

Unterstützt von seinen Eltern (der Vater ist der Bildhauer und Kunstmaler Gianni Vasari) begann Chain Huber zuerst Holzfiguren und Tiere zu schnitzen. Bilder und Collagen machte er schon vorher ab und zu. Am Tag der offenen Tür der Spitex Sumiswald-Wasen im Mai 2004 durfte er einige Werke ausstellen. Seine Kunst gefiel den Besuchern und so folgten bald Aufträge und weitere Ausstellungen. Unter anderem durfte er vier Gemälde fürs Hotel Pirmin Zurbriggen in Saas Almagell (VS) erstellen, wo er schon öfters als Gast weilte. Diesen Sommer wird er wieder dort Ferien machen, vielleicht sogar alleine. Doch bevor er seine Gedanken den Ferien widmete, galt es nun die letzten Vorbereitungen für die Tage der offenen Tür in Angriff zu nehmen. Und wer weiss, vielleicht ergab sich ja daraus die eine oder andere Bekanntschaft. Jemanden, der Chaim Huber ab und zu in seinem Atelier besucht zum «Käfele». Ihn würde es freuen.

07.06.2018 :: Rebekka Schüpbach
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