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Der wahre Bösewicht kommt ungeschoren davon
Der wahre Bösewicht kommt  ungeschoren davon Signau:

 

Vor vollen Rängen fand auf dem Hof «Hämeli» die Premiere der «Schwarzen Spinne» statt. Aufgeführt wurde das Stück von rund 100 Akteuren des Vereins Freilichttheater Signau.

 

Der Weg ab Signau sei ausgeschildert, hiess es, also fährt man Kehre um Kehre auf der schmalen Strasse himmelwärts. Bis nach Angst und Bangen der Parkplatz erreicht ist, und man merkt, dass man nicht allein auf der Welt ist. Denn nach dem steilen Ab-stieg zum Gehöft «Hämeli» erweist sich das Festzelt als schon voll. Gut so, statt Hamme und Züpfe entschädigt einem der kleine Anstieg auf den nahen Hügel mit überwältigender Aussicht auf die Schratte im Abendlicht, und das Emmental liegt einem zu Füssen.

Was Zuschauer wünschen

Über den Märit mit Körben, «glismeten» Socken, Rauchwürsten, Houuersirup und Strohhüten umrundet man das Gehöft, trifft auf Schauspieler und Lokalprominenz, und ein sich langweilendes Ross. Dann ist es Zeit, den Platz auf der Tribüne aufzusuchen. Der Blick schweift über das stattliche, geraniengeschmückte Bauernhaus, 1776 knapp vor Gotthelfs Zeit erbaut, im Stil wie Emmentaler Bauernhäuser noch heute sind. Fremd hebt sich der Vorplatz von der lieblichen Kulisse ab: Ein Durcheinander von Sand, Felsbrocken und Baumstämmen. Die Gotthelf-Erzählung, von Marlise Oberli-Schoch für das Freilichttheater umgeschrieben, findet ja in zwei unterschiedlichen Epochen statt, verbunden durch die erzählende Grossmutter. «Die schwarze Spinne», das meistgespielte Stück des Autors, war schon vor zehn Jahren auf dem Programm des Freilichttheaters, das sich ganz auf Gotthelf eingeschworen hat. Es ist eben das, was das Publikum sich wünscht, auch heute ist mit 478 Leuten die Tribüne gut besetzt. Es kommt mir ein wenig vor, wie wenn die Grosskinder betteln: «Verzeu mer nomau das vo dere Spinnele, das isch so schön gruusig!»

Aberglaube

Die Aufführung beginnt mit dem Taufe-Essen auf der Terrasse. Die Kindsmutter durfte nicht mit in die Kirche, denn Wöchnerinnen sollen nicht unter der Dachtraufe durch, bis das Kind getauft ist. Und die Taufgesellschaft musste den weiten Weg zur Kirche zu Fuss gehen, sonst könnte der Täufling nie laufen lernen. Aberglaube, gegen den auch Pfarrer Gotthelf vergebens ankämpfte. Man
«hocket zueche» und feiert. Die Darsteller in Tracht und Halblein sparen nicht mit träfen Sprüchen und Ausdrücken. Im Programmheft er-klärt ein Vocabulaire für Alt-BerndeutschUnkundige vorsorglich, was es mit «Absüfere», «Fiduz», oder «Schriis ha» auf sich hat. Und dann kommt eben der Moment, wo die übermütigen Kinder wissen wollen, warum der grosse Zapfen im alten Balken neben der Türe stecke. 

Die Grossmutter erzählt

Nun wechseln wir ins Mittelalter und erleben, wie grausam arm, ungebildet und hilflos die Bevölkerung ist. Landvögte aber machen sich ein Ver-gnü-gen daraus, sie zu plagen. Wie dieser Hans von Stoffeln: Er reitet in Begleitung seines Junkers stolz daher, und verlangt nach dem Burgenbau auch noch eine Allee aus 100 ausgewachsenen Buchen. Und das in einem Monat. Menschenunmöglich! Darum taucht jetzt der Teufel auf, ein smarter Jäger in grünem Gewand. Er wüsste Rat – und er bandelt mit Christine an, der Lindauerin, die etwas emanzipierter als die anderen erscheint. Dem Dorf ist bald klar, dass der «Böse» die Hand im Spiel hat. Gezwungenermassen nimmt man seine Hilfe dennoch an, und will ihn dann um den versprochenen Preis, die unschuldige Kinderseele, betrügen. Darauf lässt der Teufel in Form der schwarzen Spinne, erwachsen aus dem Kuss auf Christines Wange, die Pest über Mensch und Vieh ausbrechen. In ganz Europa fielen der Pandemie ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer, etwa 25 Millionen Menschen. Aber Sündenbock im Dorf ist allein Christine, und dass der Teufel sie mitnimmt, ist ihnen gerade recht. Gemäss der Sage packt dann eine mutige Frau die Spinne, und sperrt sie in das Loch im Balken – womit die Seuche gebannt ist. So endet die Geschichte, man kehrt zurück zum gottesfürchtigen Leben. Zuschauerinnen und Zuschauer sollen nicht mit traurigen und allzu nachdenklichen Gedanken nach Hause gehen, wünscht sich das Regieteam Rolf Schoch und Nathalie Trachsel im Programm. Eines aber geht mir nicht aus dem Sinn: Warum lässt man den wahren Bösewicht, den Landvogt ungeschoren davonkommen? Lieber Herr Gotthelf, ich finde einfach, der Teufel habe die Falsche gepackt!

 

Freilichttheater Signau: 27. Juni bis 4. August, ab 20.30 Uhr. Infos über «www.freilichttheatersignau.ch»


 

05.07.2018 :: Gertrud Lehmann
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