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Gemüts-Oasen
Auf meinen Bürotischen türmt sich ein beeindruckendes Papiergebirgsmassiv unerledigter Arbeit auf. Seit Wochen betrete ich das Büro deshalb nur noch in Begleitung eines erfahrenen Bergführers und ausgerüstet mit einem Lawinensuchgerät. Es könnte ja sein, dass der Berg ins Rutschen kommt und unsere Zweierseilschaft unter sich begräbt. Als weitere Vorsichtsmassnahme habe ich vor dem Büro einen Helikopterlandeplatz eingerichtet und die Gönnermitgliedschaft bei der Rega für zwei Personen gelöst.
Und – ich habe zwei wichtige Erkenntnisse gewonnen! Erstens: Selbst wenn ich täglich sechzehn Stunden arbeitete, der Berg würde nur unwesentlich kleiner.  
Zweitens: Wenn ich mir tägliche Auszeiten (ich nenne sie mittlerweile Gemüts-Oasen) gönne, wächst andererseits der Berg trotzdem nicht übermässig.
Statt mich also schleichend und trendig einem Burnout zu nähern, zeige ich dem Gebirgsmassiv nun regelmässig den Stinkefinger und fläze mich (sinnbildlich gesehen) in die Hängematten meiner Gemüts-Oasen. Nein nein, da liegt kein Schreibfehler vor, ich gönne mir Abwechslung, knüpfe meine Hängematte an die Palmenstämme unterschiedlichster Gemüts-Oasen-Destinationen. Da ist zum Beispiel die tägliche Arbeit mit meinem Hund, oder die gemeinsamen Nachtessen mit meiner Frau (für Abendarbeiter keine Selbstverständlichkeit).
Und inzwischen habe ich gar meine langjährige Drohung wahrgemacht und bin Mitsänger eines Jodlerklubs. Die wöchentlichen Proben in geselliger Atmosphäre machen Spass, wirken äusserst blutdrucksenkend und stellen jeden Betablocker in den Schatten. Wen wunderts, schliesslich besingt man in den allermeisten Liedern ganz ernsthaft frühlingshafte Glücksgefühle, schöne Landschaften und glockenbehängte Kühe. Inzwischen habe ich gar die konzertante Feuertaufe ohne nachfolgenden Klubausschluss überstanden.
Eine weitere Gemüts-Oase stellt die wöchentliche Mathematik-Lernstunde dar. Eigentlich ist es mein Weihnachtsgeschenk an meine Frau, aber meine Teilnahme ist zwangsläufig auch erforderlich. Zum allgemeinen Verständnis muss ich noch anfügen, dass der Mathematik-Kurs als Tanzkurs getarnt daherkommt. Eine ausführlichere Berichterstattung über diese Form von Stress-Bekämpfung liefere ich Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt. Versprochen!
Eine weitere Art von Gemüts-Oase ist auch das Schreiben einer Kolumne. Der Effekt ist der Gleiche, Gedanken an die Arbeitsberge kämen einer Ablenkung vom Wesentlichen gleich, man muss sich voll auf die Geschichte, auf die Sprache konzentrie…
Entschuldigen Sie bitte, Guschti, mein Bergführer drängt zum Aufbruch! Heute bezwingen wir den 379 Zentimeter hohen Piz Faktura!
02.03.2017 :: Peter Leu ist Intendant der Kulturfabrik Bigla.
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