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Seelsorgen in der Umkleidekabine

Gibt es etwas Blöderes, als im Winter eine Hose kaufen zu gehen? Ich machte mich letzte Woche auf den Weg, um dieser Idiotie zu frönen. Mein Ziel war eine Klamotten-Kette mit zwei Buchstaben. Nein, nicht die, die andere. Saukalt war es an diesem Tag und dementsprechend hatte ich mich im Zwiebellook gekleidet, darüber Schal und Mantel aus Alpakawolle. Das Unternehmen verfügte über eine hervorragende Heizung, denn schon bald schwitzte ich in meiner Yetikluft wie ein Affe, als ich die Rolltreppe Richtung Damenabteilung hoch schwebte. Schnell hatte ich drei Jeans zum Aktionspreis von der Stange gefischt und marschierte zu den Kabinen – keine war frei. Eine wartende Frau fing meinen genervten Blick auf und sagte lächelnd: «Alles besetzt!» Wir witzelten schwitzend darüber, dass frau bei der Kälte länger brauche, weil man sich ja erst aus den Klamotten pellen müsse, um sie nach der Anprobe wieder anziehen. Einige Minuten später wurden zwei Kabinen gleichzeitig frei. Die ­Damen, die uns wichen, kamen mit leicht lädierter Frisur und grimmigem Blick an uns vorbei. Nach Lustkauf sah das nicht aus.

In der Kabine hängte ich meine Jeans­auswahl an den Haken, schlüpfte aus den warmen Stiefeln, schälte mich aus den Klamotten und zog auf jeweils einem Bein hüpfend meine lange Hose aus. Dann machte ich den Fehler, mein Spiegelbild zu betrachten – und zwar von allen Seiten – mit einer Beleuchtung, unter der ein Chirurg bestens eine Herztransplantation hätte durchführen können. Bevor ich die Umkleide betrat, fühlte ich mich recht knackig, doch nun fragte ich mich: Wer hat diese alte, dicke Frau hier reingelassen? Mein Selbstvertrauen war erschüttert. Wieso machen die das, diese Ladenbauer? Glauben die, dass wir Aug in Aug mit dem Spiegelbild unserer Antischokoladenseite konfrontiert, den Drang verspüren mehr zu kaufen?

Am Abend jammerte ich meiner Tochter am Telefon von meinem Jeanskauf vor. Vielleicht sei es sinnvoll, Psychotherapeuten vor solchen Horrorkabinen zu postieren, frotzelte ich, die könnten die verstrubbelten Damen im Gespräch wieder aufbauen. Meine Tochter meinte, diese Umkleidekabinen erinnerten sie immer an einen Beichtstuhl. Sie schlug vor zwischen jeder «Folterzelle» eine Seelsorgerin zu postieren, die auf Knopfdruck ein Schiebetürchen öffne und mit weicher Stimme säusle: «Wie kann ich ihnen helfen, Sie wunderbares weibliches Geschöpf?» Ich habe mir trotzdem eine Jeans gekauft. Zuhause habe ich festgestellt: Sie ist eine Nummer zu gross. 

08.03.2018 :: Christina Burghagen ist Freie Journalistin und bietet Anlässe an zum Thema «Essen wie im alten Bern».
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