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Sorgenschrott

Ein Zimmer mit fantastischem Meerblick, ohne Aufschlag dafür gezahlt zu haben, mein Bekannter hätte sich in seinem letzten Urlaub freuen können. Hätte! Doch selbst das grosse Los kann, durch die düstere Brille der Sorgen betrachtet, wie eine Niete aussehen. Die Feuerleiter neben seinem Balkon machte ihm zu schaffen. «Was wäre, wenn…» – dieser Gedanke liess ihn nicht mehr los und schon sah er Heerscharen von Diebe des Nachts über diese Leiter anrücken und durch seine offene Balkontür marschieren. Ein anderes Zimmer musste her. Nach zwei Tagen stürmen mit der Hotelrezeption war es endlich soweit, er konnte umziehen. Sein neues Zimmer lag zum Innenhof. Discolärm bis spät in die Nacht und einen Kettenraucher als Zimmernachbar. Statt Meerblick gab es gratis Zigarettenrauch fast rund um die Uhr. Seine Reue war gross, doch sie kam zu spät. König Sorge hatte ohne Rücksicht auf Verluste mal wieder seinen Willen bekommen. Ich lausche dieser dramatisch erzählten Geschichte mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es ist nicht das erste Mal, dass mein Bekannter von Sorgen getrieben Schaden vermeiden wollte und dabei erst recht vom Regen in die Traufe kam. Wenn einer die Sorgenflöhe husten hört, dann er und damit macht er sich das Leben oft gehörig schwer. Lieber kein Wurstbrötchen mit auf eine Zugreise nehmen, man könnte sich ja eine Lebensmittelvergiftung holen. Unvorstellbar schlimm, wenn die Nachbarn, die Blumen nicht so gut giessen, wie man es ihnen aufgetragen hat. Und das Auto auf einem öffentlichen Parkplatz zu parken ist ja generell ein Risiko, es könnte ja von einem unvorsichtigen Mitmenschen angefahren werden. Passiert ist ihm das freilich alles noch nicht. Aber es könnte ja jeder Zeit passieren. Darauf kann er kostbare Stunden an Zeit und Lebens-
energie verwenden, ohne dass ihn jemand zu einem sorgenfreieren Leben überreden könnte. Somit wird unser Sorgenmensch zum Mahnmal für seine Freunde. Dafür, dass weniger Sorgen immer noch genug sind. Ein Rucksack voll reicht durchaus pro Mensch. Man muss nicht gleich einen ganzen Schrottplatz davon mit sich rumschleppen. Das beschwert das Leben auf unnötige Weise. Deswegen habe ich jetzt angefangen, umzuformulieren. Dem «hoffentlich passiert nichts» aller Bedenkenträger, die nicht nur das kleinste Schwarz unter den Fingernägeln, sondern auch in der Zukunft erblicken können, halte ich inzwischen entgegen: «Sicher wird alles gut». 



04.05.2017 :: Stephanie Schmid
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