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Stein auf Stein, Schritt um Schritt
Stein auf Stein, Schritt um Schritt

Seit zehn Jahren lebt Walter Eicher mit Parkinson. Obwohl er sein Leben der Krankheit anpassen muss, lässt er sich nicht davon abhalten, grosse Projekte anzugehen.

Schon als Kind hat Walter Eicher es geliebt, an der kleinen Emme «Steimandli» zu bauen, kleine und grosse. Nach einem Hochwasser wurden diese jeweils wieder weggespült, so auch vor zwei Jahren. Darauf nahm er sich vor, etwas Stabileres zu erstellen. Eine Pyramide sollte es werden. Im Februar letzten Jahres begann der gebürtige Entlebucher, der seit 43 Jahren in Langnau lebt, mit der Arbeit. Stein um Stein trug er heran, schichtete Stück um Stück rund um einen senkrecht stehenden Baumstamm auf. Tonnenweise Material verbaute er. Nach rund 120 Stunden war das Bauwerk mit einer Grundfläche von vier Quadratmetern bereits 2,8 Meter hoch. Zu wenig, fand Walter Eicher, und erhöhte es um weitere 60 Zentimeter. Zuoberst stellte er Blumen hin. «Die Leute haben Freude an dieser Pyramide und sprechen mich oft darauf an, wenn ich vor Ort bin», erzählt er. Eichers Leistung ist umso erstaunlicher, als er seit zehn Jahren an der Parkinson-Krankheit leidet. Zum Welt-Parkinson-Tag von heute, 11. April, erzählt er seine Geschichte.

Das Leben anpassen

Es war in den Badeferien in Spanien, als sich der grosse Zeh des linken Fusses plötzlich von selbst bewegte. Nachdem dies immer stärker wurde, suchte Walter Eicher, wieder in der Schweiz, den Hausarzt auf. Schon in der ersten Konsultation äusserte dieser die Vermutung, es könnte Parkinson sein. Untersuchungen und Test beim Neurologen brachten zwei Monate später die Bestätigung. «Zu Beginn machte sich die Krankheit vor allem durch Zittern bemerkbar», berichtet Walter Eicher. Die Beschwerden wurden mit den Jahren zahlreicher und schlimmer. Das Gleichgewicht war zunehmend in Mitleidenschaft gezogen, die Finger wurden steif, die Sehkraft nahm ab, ebenso das Reaktionsvermögen. 2014, fünf Jahre nach der Diagnose, gab Walter Eicher freiwillig den Autofahrausweis ab. Das eigene Geschäft, er führte in Bern eine Druckerei, verkaufte er 2007. Er freute sich darauf, nach Jahren mit 50-, 60-Stunden-Wochen Zeit für die Familie und seine Hobbys zu haben: Wandern, Holzen, Fischen, Skifahren, im Garten arbeiten, Reisen. In den ersten Jahren war er dabei kaum eingeschränkt, doch das änderte sich. Walter Eicher musste sein Leben immer wieder der Krankheit anpassen, die Lebensfreude indes konnte sie ihm nicht rauben. Er ist ein aktiver Mensch geblieben.

Mehr Zeit einrechnen

An guten Tagen ist Walter Eicher zu Fuss unterwegs. Der Stock gibt ihm Sicherheit. Regelmässig unternimmt er Ausflüge mit einem Freund. «Wir gehen im Sommer und Herbst gerne Beeren ablesen, manchmal in Sörenberg, aber auch im Tessin oder auf dem Oberalppass.» Alleine oder zusammen mit seiner Frau unternimmt er Wanderungen, bis zu drei, vier Stunden können diese dauern. «Natürlich kann ich nicht mehr schnell gehen, ich rechne jeweils 30 bis 40 Prozent mehr Zeit ein als auf den Wanderwegweisern steht. Bei Steigungen habe ich noch länger.» Auch müsse er gut acht geben auf Wurzeln, Trottoirränder oder andere Hindernisse, damit er nicht stürze. Das sind die guten Tage. Es gibt aber auch Momente, da er kaum ein Bein vor das andere bringt. Dies kann auch plötzlich eintreten, wenn er unterwegs ist. «Dann nehme ich den Bus oder ein Taxi.» Hitze und schlecht gelüftete Räume meidet er. Zum Beispiel ein überfüllter Zug tut ihm nicht gut. Einmal im Jahr unternimmt das Ehepaar eine Busreise nach Italien zum Baden. Früher sei er ein guter Schwimmer gewesen, heute halte er sich nur noch in dem Bereich auf, wo er stehen könne, erzählt der 69-Jährige.   

Stress und Termine meiden

Walter Eicher und seine Frau Monika haben gelernt, die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Dazu gehören auch die Medikamente, die er in bestimmten Abständen einnehmen muss. 17 Stück pro Tag sind es derzeit. «Sie können die Krankheit nicht heilen, aber den Verlauf verlangsamen», sagt Walter Eicher. Einige helfen gegen das Zittern, jedoch lässt die Wirkung jeweils nach eineinhalb Stunden wieder nach. «Ich muss die Einnahme der Medikamente im Tagesablauf einplanen.» Grosse Pläne schmiedet das Ehepaar nicht mehr, auch mit Terminen sind die beiden zurückhaltend. «Erstens wissen wir nicht, ob wir die Vereinbarung dann auch einhalten können, und zweitens tut mir Stress nicht gut. Ich brauche für alles viel Zeit», erzählt Walter Eicher. Abendanlässe und Konzertbesuche sind nicht mehr möglich, wegen der Müdigkeit und dem langen Sitzen. Bei gewissen Tätigkeiten braucht er die Hilfe seiner Frau, etwa beim Anziehen am Morgen. Doch Walter Eicher orientiert sich nicht an dem, was nicht mehr geht, sondern an dem, was möglich ist. Etwa daran, dass es ihm trotz der Einschränkungen, die ihm der Parkinson auferlegt, gelungen ist, seine Pyramide zu bauen – Stein auf Stein, Schritt um Schritt, in seinem Tempo.


Steife Muskeln und zitternde Hände

Die Symptomatik der Parkinsonkrankheit ist sehr individuell. Zudem schreitet die Erkrankung nicht bei allen Betroffenen gleich schnell voran. Die häufigsten Beschwerden sind: 

• Bewegungsverlangsamung: Flüssige Bewegungsabläufe fallen zunehmend schwerer. Vor allem das Gehen oder Schreiben sind betroffen, aber auch die Feinmotorik (Knöpfe zumachen, Handy bedienen).

• Steifheit: Der Spannungszustand der Muskulatur ist ständig erhöht, vor allem an den Armen und Beinen, was zu schmerzhaften Krämpfen führen kann. Auch die gebeugte Haltung ist Ausdruck der Muskel-Steifheit.

• Zittern in Ruhe: Der Ruhetremor tritt bei rund zwei Dritteln der Betroffenen auf, meist sind die Arme stärker betroffen als die Beine. Bei gezielten Bewegungen verschwindet das Zittern.

• Haltungsinstabilität: Das Gleichgewicht ist vor allem in späteren Krankheitsstadien gestört, was zu Stürzen führen kann.

• Weitere Symptome: psychische Probleme, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus und des vegetativen Nervensystems (Blutdruckregulation, Verdauung und Temperaturregulation). In fortgeschrittenem Stadium sind Hirnleistungsstörungen nicht selten.

 

Quelle: Parkinson Schweiz

Ursache ist unbekannt, Heilung nicht möglich

Das Parkinsonsyndrom ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Über 15’000 Menschen in der Schweiz leiden daran und müssen mit Einschränkungen, Behinderung und im schlimmsten Fall Pflegebedürftigkeit leben. Bei dieser neurodegenerativen Erkrankung kommt es zu einem fortschreitenden Untergang von Nervenzellen im Gehirn. In den ersten Krankheitsjahren steht der Untergang der für die Produktion des Botenstoffes Dopamin verantwortlichen Nervenzellen im Vordergrund. Der resultierende Dopaminmangel kann gut behandelt werden. Es sterben aber auch in anderen Regionen des Gehirns Nervenzellen ab, die nichts mit der Produktion von Dopamin zu tun haben. Da die Ursachen der Erkrankung trotz intensiver Forschung bisher unbekannt sind, gibt es keine Heilung. 

Parkinson betrifft vorwiegend ältere Menschen, zirka ein Prozent der über 60-Jährigen und rund drei Prozent der über 80-Jährigen. Die Krankheit kann aber auch schon im Alter von unter 40 Jahren auftreten. Aufgrund der demografischen Entwicklung (Überalterung der Bevölkerung) steigen die Patientenzahlen an. Daher ist Parkinson eine grosse gesundheitspolitische Herausforderung.

 

Quelle: Parkinson Schweiz


 

11.04.2019 :: Silvia Wullschläger
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