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Weisser Stock hat Vortritt
Weisser Stock hat Vortritt Internationaler Tag des weissen Stocks:

Am internationalen Tag des weissen Stocks vom 15. Oktober sollen Verkehrssteilnehmer für die besonderen Bedürfnisse und die Rechte von blinden und sehbehinderten Menschen sensibilisiert werden. Dass dies nötig ist, zeigte ein Versuch in Langnau.

 

Oswald Bachmann stellt sich an den Strassenrand, neben sich seine Hündin Momo, die ihn begleitet aber nicht führt. In der ausgestreckten rechten Hand hält er den weissen Stock. Mit dieser Geste signalisiert der sehbehinderte Mann, dass er die Bernstrasse in Langnau an dieser Stelle, bei der Bahnüberführung, überqueren möchte. Dies, obwohl hier kein Fussgängerstreifen aufgemalt ist. Darf der das? Diese Frage scheinen die allermeisten Autolenkerinnen und -lenker, die vorbeifahren, mit nein zu beantworten. Von elf Fahrzeugen halten während des Versuchs gerade mal drei und lassen Oswald Bachmann den Vortritt. Hätte die Polizei eine Kontrolle durchgeführt, wäre es für die acht fehlbaren Fahrerinnen und Fahrer teuer geworden (siehe Kasten).

Noch zehn Prozent Sehkraft

Wenn Oswald Bachmann die Strasse überqueren will, muss er sich Zeit nehmen. Nicht nur, weil längst nicht alle Autos anhalten, sondern auch, weil er sich doppelt und dreifach absichern muss. «Ich leide an einer sogenannten Diabetischen Retinopathie. Ich habe Schatten und schwarze Flächen in meinem Sehfeld. Ein Gesicht kann ich beispielsweise nicht erkennen, obwohl ich die Person vor mir wahrnehme.» Die Sehkraft des 64-Jährigen beträgt noch zehn Prozent. Hervorgerufen wurde die Sehbeeinträchtigung durch einen lange Zeit unentdeckten Diabetes. Der Verlust der Sehkraft kam schleichend. «Zuerst sah ist beim Autofahren die Schilder oder Ampeln nicht mehr gut, dann konnte ich nicht mehr richtig lesen», erklärt der Lehrer. Schliesslich erkannte er seine Schülerinnen und Schüler an den Pulten nicht mehr. Bis 2005 konnte Bachmann am Schulhaus Leber in Eggiwil unterrichten. Seit 2007 bezieht er eine 100-prozentige IV-Rente. Pro Woche gibt er noch während dreier Lektionen Informatikunterricht für die Unterstufe im Schulhaus Horben. «Die Kinder wissen, dass ich sie nicht gut sehe, nützen das aber nicht aus. Sie passen sich an, bringen beispielsweise die Lupe gleich mit, wenn ich eine Aufgabe mit ihnen besprechen muss», lobt Oswald Bachmann.

Manchmal ein Spiessrutenlauf

Für den Aeschauer ist es ein Anliegen, dass Blinde und Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung ein möglichst eigenständiges Leben führen können. Als Präsident des Schweizerischen Blindenbundes und Vorstandsmitglied von Agile Schweiz, dem Dachverband von über 40 Behinderten-Selbsthilfeorganisationen, engagiert er sich dafür, dass das Gleichstellungsgesetz angewendet wird. Es gehe auch darum, die Bevölkerung für die Schwierigkeiten und Hindernisse, welche sich diesen Bevölkerungsgruppen stellen, zu sensibilisieren. Zum Beispiel im Strassenverkehr, wie dieses Jahr am Tag des weissen Stocks. «Gerade das Überqueren einer Strasse ist ein Stück weit ein Spiessrutenlauf. Wenn ein Auto hält, besteht die Gefahr, dass jemand überholt oder das Fahrzeug aus der Gegenrichtung weiterfährt», erklärt Bachmann. Wichtig sei, ganz anzuhalten und nicht langsam heranzurollen. «Wie bei den Kindern: Rad steht, Kind geht.» Er könne mit seiner Sehbehinderung die Distanz nicht einschätzen, ein Blinder sei ganz aufs Gehör angewiesen. Besonders gefährlich seien Velos und E-Bikes. «Man hört sie nicht, die Lenker fahren meist schnell und leider oft rücksichtslos.» Wenn ihn ein Velo knapp überhole, erschrecke er jedes Mal, erzählt Oswald Bachmann.

In der Stadt sicherer

In der Stadt bewegt sich der Aeschauer sicherer als auf dem Land. Es werde weniger schnell gefahren, habe mehr Ampeln, oft auch mit akustischem Signal, und mehr Fussgängerstreifen. Er erlebe es zudem oft, dass ihm Passanten helfen wollten, sei es, um die Strasse zu überqueren oder in einen Bus einzusteigen. Erfreulicherweise seien darunter auch viele Junge. «Wer helfen will, sollte aber zuerst fragen, ob dies nötig sei, und nicht einfach den Arm packen und die Person mitziehen.» Die meisten Leute würden das aber gut machen und, wenn erwünscht, ihren Arm anbieten, damit man sich halten könne. 

Nicht nur Fahrzeuge können blinden oder sehbehinderten Menschen gefährlich werden, sondern auch Gegenstände. Als Beispiele nennt Oswald Bachmann auf dem Trottoir herumliegende Velos oder tiefhängende Tafeln. Das könne zu schmerzhaften Stürzen und Zusammenstössen führen. Der Tag des weissen Stocks wolle auch hier die Menschen sensibilisieren, betont der Blindenbund-Präsident.

Wie von Zauberhand entrollt sich ein Fussgängerstreifen

Am internationalen Tag des weissen Stocks vom 15. Oktober geht es dieses Jahr um die Verkehrssicherheit. Damit blinde und sehbehinderte Menschen sicher auf den Strassen und Trottoirs unterwegs sein können, müssen die Verkehrsteilnehmer Regeln einhalten. Hier ein Überblick des Schweizerischen Blindenbundes: 1. Wenn eine betroffene Person am Trottoirrand steht und mit ausgestrecktem Arm den weissen Stock zeigt, ist sie vortrittsberechtigt. Es entrollt sich – wie von Zauberhand – ein unsichtbarer Fussgängerstreifen. 

2. Dass Nichtbeachten dieses Vortrittsrechts ist nicht nur gefährlich, sondern kann auch teuer werden. Das Ignorieren des weissen Stocks führt nicht zu einer Ordnungsbusse, sondern der Fehlbare wird verzeigt und muss mit einem Strafverfahren rechnen. 

3. Das Überqueren der Strasse geht nach dem Motto «warte, lose, zeige (den weissen Stock), loufe». Vor Erreichen der Strassenmitte wird noch einmal überprüft, ob der Verkehr von der anderen Fahrtrichtung ebenfalls anhält. Bevor das Trottoir gegenüber betreten werden kann, muss mit dem Stock kontrolliert werden, ob nicht genau dort ein Hindernis steht. Es ist wichtig, dass der Verkehr erst losfährt, wenn der Fussgänger auf dem Trottoir angekommen ist.

4. Wie können Verkehrsteilnehmer Klarheit schaffen? Relativ dicht vor der Person mit dem weissen Stock anhalten, den Motor laufen lassen, nicht hupen. Winken oder die Lichthupe betätigen, nützt nichts.

5. Velofahrerinnen und Velofahrer sind genauso verpflichtet, anzuhalten. Noch schnell durchzuflitzen, ist gefährlich.

 

11.10.2018 :: Silvia Ben el Warda-Wullschläger
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