Anmelden
«Das Auto und die Velos müssen blitzblank sein»
«Das Auto und die Velos müssen blitzblank sein» Tour de Suisse: Als Zuschauer nimmt man zwar die vielen Fahrzeuge vor und hinter dem Fahrrad-Tross wahr, aus welchem Grund die alle mitfahren, wissen aber die wenigsten.

«Wenn jemand im Funk etwas sagt, musst du still sein!» Das ist die einzige Anweisung, die ich von Martin Obrist erhalte. Er ist Team-Chef und Fahrer eines der drei neutralen Rennsupport-Autos. Während die meisten Etappen der TdS kurz nach dem Mittag beginnen, starten die sechs Herren  des neutralen Rennsupport-Teams schon früh morgens mit den Vorbereitungen: «Um 6.30 Uhr frühstücken wir, danach putzen wir die Wagen», erklärt der ehemalige Radprofi Obrist. Die Autos müssen blitzblank sein, schliesslich arbeitet auch der neutrale Rennsupport mit einem Sponsor zusammen. Die Firma Trek blättert einen grossen Betrag für die TdS hin und stellt die Ersatzvelos zur Verfügung. Da muss alles stimmen für die Durchfahrt vor Publikum und den Auftritt im Fernsehen. 

Die Aufgabe des Rennsupports ist aber nicht die Repräsentation, sondern, wie es der Name schon sagt, die neutrale Hilfestellung bei allfälligen Pannen jener Fahrer, die von ihrem Team abgeschnitten sind. «Wir hätten auch Wasser dabei, aber das wollen die Fahrer meist nicht, aus Angst, es könnten Zusätze reingemischt worden sein», erklärt Martin Obrist den akribisch sortierten Inhalt des Kofferraums des Autos mit der neongelben Haube. 

 

72 Räder im Einsatz

Nach der Pflege des Autos kommen die Velos und die Räder dran, welche die Firma DT-Swiss zur Verfügung stellt: Jedes einzelne wird jeden Tag gepumpt – ganz genau mit neun bar. Dann hievt der Mechaniker, Dario Stäuble, die Velos auf das Dach des Fahrzeuges und ordnet die Räder auf dem linken Rücksitz, griffbereit, um im Notfall das richtige Rad innert zehn Sekunden ausgetauscht zu haben. Dario Stäuble sitzt im Auto rechts hinten. «Wir halten auf der rechten Seite der Strasse hinter dem Velofahrer an. So schützen wir ihn», erklärt Martin Obrist, der von 1983 bis 1997 selber Radprofi war und unter anderem Radquers bestritten hat. Mittlerweile sitzt Obrist heuer schon das zehnte Jahr am Steuer eines neu-
tralen Rennsupport-Autos. 

Das Herzstück des ganzen Support-Teams ist «die Liste», ein A4-Blatt, laminiert, mit allen Teams drauf und den Komponenten ihrer Velos. Während des Rennens hält der Mechaniker Stäuble die Liste ständig in seiner Nähe. «Hält ein Fahrer seine rechte Hand hoch, wissen wir, dass er einen Defekt am Hinterrad hat. Hält er die linke Hand hoch, ist es das Vorderrad», erklärt Stäuble. In der Regel hätten sie höchstens zehn Sekunden, um ein Rad zu wechseln. 

 

Funk-Check

Eine Stunde vor Rennbeginn wirds langsam ernst, dann findet der obligate Funk-Check statt. Steigt nun die Nervosität? Das eingespielte Team Obrist und Stäuble lacht nur, sie haben schon so viel erlebt, dass sie nichts mehr aus der Ruhe bringt. «Enge Strassen sind für uns das Schlimmste, aber sonst haben wir keinen Grund, nervös zu sein», erklärt der Chef. Die drei Fahrer der Support-Autos sind ehemalige Radprofis, sie kennen den Rennablauf und wissen, wie sie zu reagieren haben. Ausser einem Taggeld, dass für das Nachtessen reicht, verdiene man nicht viel. Jedoch würden sie mit Ausnahme der Unterhosen komplett von Sponsoren ausgestattet und erlebten eine tolle Zeit, erklärt Martin Obrist und meint zur Motivation seiner Helfer: «Es ist für jeden eine Prestige-Angelegenheit, hier dabeisein zu dürfen.»

Jetzt geht es los: Ruhig und konzentriert reiht sich Obrist an seiner Position ein. Beim Start gilt eine strenge Ordnung der Autokolonne. Diese wird aber während des Rennens immer mal wieder durcheinandergebracht, je nach Ereignissen. Vorerst staune ich über das Tempo, mit welchem Martin Obrist gekonnt durch die schmale Spur aus Langnau he-rausfährt, und die vielen Zuschauer, die den Strassenrand säumen. 

Ab Kilometer null, kurz nach dem Ilfiskreisel, zählt es. Vor dem Aufstieg Richtung Schallenberg setzt sich ein Spitzengrüppchen ab, der Abstand zum Hauptfeld beträgt schon bald über 25 Sekunden; genug, um mit dem Support-Auto zur Spitze aufzuschliessen und das Feld hinter sich zu lassen. Per Funk folgt nun eine Durchsage nach der anderen: Distanzen und Fahrernummern – alles auf französisch, der offiziellen Radsport-Sprache. 

 

Verfolgungsjagd am Berg

Kurz vor dem Gipfel des Schallenbergs setzt Claudio Imhof zum Sprint an, kaum oben angekommen, flitzt der 28-jährige Thurgauer so schnell den Berg runter, dass mir im Auto dahinter Angst und Bange wird. Martin Obrist lacht: «Manchmal wird ein Velorennen auch ein bisschen zu einer Autoralley.» Schon gehts Richtung Chuderhüsi, auch hier beeindruckend viele Zuschauer am Strassenrand; man wähnt sich auf einem der grossen Anstiege in Frankreich oder Italien. «Als Fahrer gibt das Gänsehaut, wenn die Leute einen so anfeuern», erinnert sich Martin Obrist an seine Zeit als Aktiver. «Jetzt als Autofahrer habe ich meinen Fuss ständig auf der Bremse. Vor allem wegen der Kinder habe ich grossen Respekt, wenn die Zuschauer so nahe an die Fahrer herankommen.» 

 

Tief durchatmen und weiter  

Erst nach Bowil erlauben die Funk-tionäre dem Swiss-Team-Support--Wagen, nach vorne zu fahren und sich selber um ihren Athleten Claudio Imhof zu kümmern. Das ist der Moment für Obrist, etwas Abstand zu nehmen und auf seine ursprüngliche Position zurückzukehren und kurz durchzuatmen. Räder werden die drei neutralen Support-Teams auf dieser Etappe nicht ersetzen müssen. Der einzige Defekt, der ausgerechnet Imhof erleidet, wird von seinem eigenen Team behoben. «Es gibt Etappen, bei welchen wir zwei bis drei Räder plus ein ganzes Velo ersetzen, dann wiederum erlebten wir auch schon eine Tour de Suisse, bei welcher wir über die ganzen zehn Tage nur ein einziges Rad wechseln mussten», erklärt Martin Obrist knapp vor dem nächsten Funkspruch.

20.06.2019 :: Olivia Portmann
Meistgelesene Artikel
Am letzten verlängerten Wochenende weihte der Jodlerklub Flühli die wunderschöne...
Sie ist da – die Ferienzeit. Schulen ruhen wieder für eine Zeit! Menschen reisen in die...
Ein Bauer auf seiner Suche nach der Liebe
Gemeinde Signau: Martin S. ist Kandidat in der Sendung «Bauer, ledig, sucht…». Wird er hier seine...
SCL Tigers: Das Rätsel ist gelöst: Als fünfter ausländischer Stürmer ist der...
Brandis Ladies mit Finnin
Eishockey, Frauen: Die Brandis Ladies, der amtierende SWHL-B-Meister, haben als erste Verstärkungsspielerin...
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr