Anmelden
Dinosaurier im Miniformat in Gefahr
Dinosaurier im Miniformat in Gefahr Wildtiere vor unserer Haustür: Zauneidechsen würden im Emmental und Entlebuch eigentlich gute Lebensräume finden, doch alles deutet darauf hin, dass die Bestände rückläufig sind. Die intensive Landwirtschaft, Katzen und die Konkurrenz durch andere Eidechsenarten sind Gründe dafür.

Konzentriert sucht Christine Wisler Hofer das Strassenbord auf der Schonegg in Sumiswald ab. «Hier habe ich schon öfter Zauneidechsen entdeckt.» Das lockere Erdreich, die sonnenexponierte Lage und der Altgrasfilz am Boden bieten gute Lebensbedingungen. Auch die vorhandenen Mäuselöcher nutzt die Zauneidechse gerne als Versteck. Anspruchsvoll sei das bis zu 20 Zentimeter lange Reptil eigentlich nicht, erklärt die Biologin. Eine unscheinbare Strassen- oder Bahnböschung oder ein Krautsaum, vorzugsweise in Waldesnähe, könne ihr genügen. Wie es der Name sage, lebe die Zauneidechse auch entlang von Weidezäunen, wo meist Altgrasstreifen vorhanden seien, sagt Christine Wisler Hofer, die bei der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (Karch) verantwortlich für Reptilien im Kanton Bern ist. Doch heute Nachmittag findet sie keine einzige. Das mag am Wetter liegen, kurz zuvor hat es geregnet und die Sonne zeigt sich nur zögerlich, oder aber an den Katzen, die in der Nachbarschaft Einzug gehalten haben. «Wir stellen fest, dass in Siedlungen mit vielen Katzen die Eidechsen verschwinden, selbst wenn der Lebensraum an sich gut wäre», sagt die Biologin. Bei dieser Übermacht an Feinden nützt es der Zauneidechse auch nichts, dass sie den Schwanz abwerfen kann, um zu entkommen.

Es besteht Hoffnung

Doch die Jägerin auf leisen Pfoten ist nicht der einzige Grund für den Rückgang der flinken Tiere. «Das hängt auch stark mit der Intensivierung der Landwirtschaft zusammen», sagt Christine Wisler Hofer. Es würden immer steilere Hänge mit Maschinen gemäht und Kleinstrukturen wie Steinhaufen, Hecken und Büsche aus dem Weg geräumt, um die Bewirtschaftung effizienter zu machen. Das häufige Schneiden des Grases verhindere zudem die Bildung von Altgras. Nicht zuletzt setzten Pestizide den Insekten zu, der Hauptnahrungsquelle der Zauneidechse. Die Biologin stellt aber fest, dass in den letzten Jahren ein gewisses Umdenken in der Landwirtschaftspolitik eingesetzt habe, indem vermehrt Fördergelder für Biodiversitätsflächen und Strukturelemente ausgerichtet würden. Auch in der Bevölkerung geniesse der Naturschutz einen höheren Stellenwert als vor zehn, zwanzig Jahren. Das lasse hoffen, dass die Zauneidechse im Emmental und Entlebuch nicht ganz verschwinde. Wie ernst die Lage sei, könne derzeit nur anhand von Beobachtungen vermutet, nicht aber mit Zahlen untermauert werden, sagt die Reptilienfachfrau. Die Resultate der neusten Erhebungen für die «Rote Liste der gefährdeten Arten der Schweiz; Reptilien» sind noch nicht bekannt. Die aktuellen Zahlen stammen von 2005; damals wurde die Zauneidechse als «verletzlich» aufgeführt; Wisler befürchtet, dass sie neu als «gefährdet» gelten könnte. 

In der Nähe Lebensraum schaffen 

Es sei wichtig, die vorhandenen Standorte der Zauneidechsen zu erhalten, betont Christine Wisler Hofer. Seien sie einmal verschwunden, werde es schwierig, sie wieder anzulocken. Die Echsen sind nicht als grosse Wanderer bekannt. Passt es ihnen, bewegen sie sich in einem Radius von nur zirka 30 Meter von ihrem Schlupfort. Gelegentlich suchen sich Männchen und Jungtiere bei hoher Populationsdichte einen neuen Lebensraum. Die Jungen schlüpfen im Hoch- oder Spätsommer in einem Gelege mit durchschnittlich neun bis 14 Eiern. Die Karch und andere Naturschutzorganisationen bemühen sich deshalb, in der Nähe bestehender Standorte Lebensräume aufzuwerten oder neu zu schaffen. Aus diesem Grund sei sie froh, wenn ihr Bestände gemeldet werden (siehe Textende). «Die Tiere sollen sich selber verbreiten, auf gar keinen Fall darf man sie einfangen und umsiedeln», betont die Biologin. Das sei nicht nur illegal, sondern meist auch erfolglos. Zudem schade man damit der Population, aus der die Tiere entnommen würden.

Konkurrenz durch Mauereidechse?

Nicht nur Landwirte könnten mit extensiv genutzten Wiesen, mit Brachen, Krautsäumen, Totholzhaufen und ausgelichteten Waldrändern einiges tun für die Zauneidechse, auch Gartenbesitzerinnen und -besitzer hätten gute Möglichkeiten, sagt Christine Wisler Hofer und gibt gleich Tipps: «Einen Bereich des Gartens sich selbst zu überlassen, ist schon mal ideal.» Dieser müsse genügend Versteckmöglichkeiten bieten. Asthaufen und Wurzelstöcke könnten mit Dornensträuchern vor Katzen geschützt werden. Eine Wildblumenwiese komme den Insekten zugute und biete damit Nahrung für die Zauneidechse. Zurückhaltung sei jedoch bei Steinhaufen angebracht, führt die Karch-Mitarbeiterin aus. Diese könnten nämlich die Verwandten der Zauneidechse anziehen, die Mauereidechse. Sie liebt, wie es ihr Name sagt, vor allem Steine und Mauern und scheint sich in unseren Gegenden auszubreiten. Wie alle Reptilien in der Schweiz ist sie geschützt, gilt jedoch nicht als gefährdet. «Wissenschaftliche Untersuchungen liegen zwar nicht vor, doch wir haben Hinweise, dass die Zauneidechse von ihren Verwandten verdrängt wird.» Dies könne sein, weil sich die Mauereidechse stärker vermehre, die Hitze besser ertrage und die Zauneidechse bei der Beutesuche konurriere. 

Augenflecken und grüne Farbe

Für einen Laien ist es nicht ganz einfach, die beiden Arten zu unterscheiden, insbesondere wenn man sie nicht vergleichen kann. Die Zauneidechse ist plumper und kräftiger gebaut als die Mauereidechse und hat einen kürzeren Schwanz. Die Schnauze ist stumpf, nicht zugespitzt, der Kopf überproportional gross – wie ein Dinosaurier im Miniformat. Charakteristisch sind die Augenflecken auf den Seiten, welche nur sie aufweist. In der Färbung unterscheidet sich nur das Männchen deutlich von seinen Artgenossen, und das auch nur im Frühling und Frühsommer, wenn es in leuchtendem Grün dem Weibchen, das bescheiden in grün-braun daherkommt, zu gefallen sucht. Sollte jemand an einem milden Wintertag eine Eidechse an einem Sonnenplätzchen sitzen sehen, ist es mit Sicherheit eine Mauereidechse: Die Zauneidechse fällt bereits im September, Oktober in eine Winterstarre und kommt erst im März, April wieder zum Vorschein.

Machen sich Zaun- und Mauereidechsen den Lebensraum offenbar streitig, entzieht sich die dritte bei uns heimische Eidechse dem Konkurrenzkampf weitgehend. Ihre drei Namen, Wald-, Sumpf- oder Bergeidechse, sagt alles über ihren Aufenthaltsort aus. Sie kommt auch in Lagen über 1000 Meter vor und kann feuchte Lebensräume besiedeln.

 

Beobachtungen von Eidechsen mit Foto und genauem Standort an: wislerbio@bluewin.ch

 

Dies ist der letzte Beitrag unserer Serie «Wildtiere vor unserer Haustür».

15.08.2019 :: Silvia Wullschläger
Meistgelesene Artikel
Wie halten Sie es mit dem Warten? -Reagieren Sie genervt, wenn Sie am Skilift, am Postschalter oder...
Es ist matchentscheidend für unser Leben, mit welchen Menschen wir uns umgeben. Haben wir...
E Ämmitauer Spezialität sy die sogenannte «Frässbedli» gsy. Fasch i...
Kevin Wüthrich ist Feuer und Flamme fürs Kochen, Essen und Trinken
Escholzmatt: Kevin Wüthrich, der als Sous-Chef bei Stefan Wiesner arbeitet, wird Ende September zum dritten...
Schräglage:   Wieder hat Thomas Lüthi in der Gesamtwertung der Moto2-Weltmeisterschaft Punkte auf...
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr