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Dunkle Geschichten

Wer meint, biblische Geschichten seien Kinderkram, irrt gewaltig. Eigentlich dürfte man da nicht alles ohne Altersbeschränkung freigeben. Mir ist aus meiner Kindheit noch lebhaft in Erinnerung, wie der Sonntagsschullehrer uns die Geschichte der Beinahe-Opferung des Isaak nach 1. Mose 22 erzählte. Da kam ich gewaltig ins Zweifeln: Könnte mein Vater auch plötzlich auf die Idee kommen, mich zu opfern? Und warum verlangte Gott so etwas von Abraham? Zum Glück endete die Geschichte gut und wir befassten uns wieder mit schöneren Dingen. Aber eine Antwort bekam ich nie – und ich weiss noch heute keine. Es wurde viel gemutmasst unter Theologen, was der Sinn dieser düsteren Geschichte sein könnte. Markiert sie die Einsicht, dass man Gott auch bei den besten Absichten keine Kinder, sondern nur Schafe opfern sollte? In vorgeschichtlichen Religionen waren Kinder- und Menschenopfer durchaus an der Tagesordnung. Oder ist die Geschichte nur allegorisch gemeint? Man soll Gott mehr lieben als das Liebste, das man auf Erden hat? Aber wie kann ein Gott, der seine Menschen liebt, ihnen eine solche Prüfung auferlegen? Oder irrte Abraham, bildete sich nur ein, er müsse seinen Glauben mit einer solchen Tat beweisen? Und Gott musste seinen Engel schicken, um ihn in letzter Sekunde davon abzubringen? 

Ich denke, dass diese Geschichte (und manch andere auch) uns einfach irritieren soll. Damit wir erschrecken darüber, was im Leben so alles möglich sein kann, damit wir mitfiebern mit Abraham, Mitleid haben mit Isaak (und seiner Mutter, die hier mit keinem Wort erwähnt wird) und dann am Schluss aufatmen und sagen können: Tatsächlich, Gott sorgt vor. Und damit spiegelt sie unsere eigenen dunklen Geschichten, die uns vor unlösbare Rätsel stellen und lässt uns hoffen, dass auch sie gut enden werden.

31.10.2019 :: Samuel Burger, reformierter Pfarrer, Konolfingen
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