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Ein heiliges Buch?

Neben ein paar vehementen Leserbriefen auf meine Texte erhielt ich auch Telefonate, briefliche Zuschriften und Bibeltraktate, die mich auf den rechten Weg bringen sollten. Meinen Kritiker*innen sei an dieser Stelle erläutert, wie ich ihr heiliges Buch lese. Mein Schriftverständnis unterscheidet sich nämlich fundamental von jenen, welche sich über meine Aussagen enervieren. 

Zuerst einmal: Ich kenne die freikirchlichen Kreise aus eigener Erfahrung. Ich habe lange ebenso gedacht und argumentiert. Und ich will dies auch niemandem absprechen, der darin Leben findet und gesprächsbereit bleibt. Ich allerdings begann mich auf eine andere Art und Weise mit der christlichen Tradition auseinanderzusetzen. Es eröffnete sich mir eine neue Welt. Ich lernte, dass die biblischen Bücher von Menschen geschrieben worden waren. Dass es von jedem Buch mehrere Varianten gibt, die Abweichungen aufweisen. Ich verstand, dass die biblischen Texte über viele Jahre mündlich und schriftlich weitergegeben wurden – und sich im Laufe der Zeit verändert hatten. Ich interessierte mich dafür, wie die heilige Schrift über die Jahrhunderte ganz unterschiedlich interpretiert worden ist. Ich entdeckte, dass die Bibel ein «Viel-Stimmen-Buch» (Kurt Marti) ist. Und so begann ich die biblischen Texte mit neuen Augen zu lesen: Menschen berichten darin von ihren Erfahrungen mit einer Kraft, die sie Gott nennen. Immer wieder bestätigt die historische Wissenschaft auch gewisse Umstände und Vorkommnisse, von welchen die antiken Autoren erzählen. Mitunter waren diese aber auch einfach ausgesprochen gute Geschichtenerzähler und Fabulierer. Diese Vielfalt begeistert und befreit mich.

27.02.2020 :: Susanne Kühni, freischaffende reformierte Theologin, Langnau
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