Anmelden
Ist eine Landwirtschaft ohne Pestizide realistisch oder zu radikal?
Ist eine Landwirtschaft ohne Pestizide realistisch oder zu radikal? Langnau:

Die Trinkwasserinitiative bewegt die Gemüter, auch am Bäreggforum. Zu hören waren viele Pro- und Kontra--Argumente, wobei letztere beim Publikum mehr Gehör fanden.

«Die Bevölkerung investiert Milliarden in die Landwirtschaft. Dafür erwartet sie gesund produzierte Lebensmittel», sagte die Mitinitiantin der Trinkwasserinitiative, Franziska Herren, in ihrem Eröffnungsvortrag am Bäreggforum. Doch die Realität sehe anders aus. So produziere die Landwirtschaft fast doppelt so viel Ammoniak wie der Bund mit seinen Umweltzielen festgelegt habe. Zudem würden zu viel Gülle und mit ihr Antibiotikarückstände auf den Feldern versickern und so ins Grundwasser und in die Gewässer gelangen. Als Grund für diesen Überschuss sieht Herren insbesondere den Import von Futtermitteln. Dieser mache bei der Fleischproduktion rund die Hälfte aus. Eierproduzenten kauften gar 70 Prozent des Futters im Ausland. Ein grosses Problem seien zudem die Pflanzenschutzmittel. Sie gefährdeten die Biodiversität und die Gesundheit von Mensch und Tier. 

Deshalb fordert die Trinkwasserinitiative unter anderem, dass nur noch Landwirtschaftsbetriebe Direktzahlungen erhalten, die nebst einem minimalen Antibiotikaeinsatz keine Pestizide einsetzen und nur so viele Tiere halten, wie sie mit Futter vom eigenen Betrieb versorgen können. Für Franziska Herren ist dies der einzig gangbare Weg. 

Auf einem guten Weg

«Viel zu radikal und unnötig», warnte hingegen Martin Rufer. Er ist Leiter Produktion, Märkte und Ökologie des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV) und wurde zusammen mit Franziska Herren zum Podiumsgespräch eingeladen. Die Landwirtschaft, sagte Rufer, strebe auch ohne Initiative stets Verbesserungen an. So sei in den letzten zehn Jahren der Einsatz von Antibiotika halbiert und der Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln um 27 Prozent reduziert worden. Aktuell würden Aktionspläne des Bundes umgesetzt mit dem Ziel, den Import von kritischen Futtermitteln sowie den Einsatz von Antibiotika und Pflanzenschutzmitteln weiter zu verringern und die Biodiversität zu erhalten. Rufer gab zu bedenken, dass die Trinkwasserinitiative diesbezüglich kontraproduktiv sein könnte: «Gemäss einer Studie von Agroscope könnte der Selbstversorgungsgrad bei einer Umsetzung um elf bis 20 Prozent sinken.» Dies, weil sensible Kulturen wie Kartoffeln oder Raps ohne Pflanzenschutz kaum angebaut werden könnten. Sie müssten importiert werden. Ebenso dürften Bauern keine Nebenprodukte wie Zucker-rübenschnitzel, Molke oder Trester mehr verfüttern. Das sei klassischer Food-Waste. Nicht zuletzt könnten Betriebe aus den Direktzahlungen aussteigen und intensivieren, um den finanziellen Verlust auszugleichen. Sogar Bio-Bauern würden gemäss Initiativtext bestraft, sagte Rufer. «Der Überbegriff Pestizide schliesst auch die biologischen Pestizide mit ein.»

Wer garantiert den Preis?

Aus dem Publikum, das zum grossen Teil landwirtschaftlich geprägt war, kamen mehrheitlich kritische Fragen. Insbesondere wurde bezweifelt, dass so aufwändig oder ohne Direktzahlungen produzierte Lebensmittel verkauft werden könnten. «Wer garantiert mir, dass die Abnehmer diese Preise bezahlen?», lautete eine Frage an Franziska Herren. Diese gab sich optimistisch und empfahl: «Sprecht mal mit den Grossverteilern», was Gelächter im Saal auslöste. Der Grund wurde klar, als sich andere zu Wort meldeten: Oft blieben Bio-Bauern auf ihren Produkten sitzen oder müssten sie dem konventionellen Markt zuführen, weil die Nachfrage fehle. Heinz Kämpfer, Mitorganisator des Bäreggforums, sagte in seinem Schlusswort: «Ich bin bereit, biologisch zu produzieren – wenn Abnehmer da sind.» 

07.11.2019 :: Rebekka Schüpbach
Meistgelesene Artikel
Erwarten Sie bitte keine amüsante Geschichte für das Fernsehen, machen Sie sich vielmehr...
Wir alle erleben früher oder später dunkle Zeiten. Zeiten, in denen es am einfachsten...
Marazzis hei z Signou aagfange
D Firma Marazzi stammt o us Signou. Dr Lorenzo Marazzi het dert i de 1920er-Jahr mit zwene...
Eishockey – sein Spiel und sein Leben
Eishockey: Pascal Müller – der ehemalige Tigers-Verteidiger hat die Seiten gewechselt. Seit Mitte...
«Man muss es auch mal gut sein lassen»
Burgdorf: Fünf junge Maurer aus dem Kanton Bern, davon zwei aus dem Emmental, haben sich letzte Woche...
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr