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Pensioniert – endlich oder jetzt schon?

Der beste Weg, seinen Ruhestand zu geniessen, ist es, sich von der Vorstellung, man müsse unausgesetzt tätig sein, zu verabschieden. 

(Maisada Manet)

Die Pensionierung ist etwas, auf das jeder sein Leben lang hinarbeitet und dann ist sie plötzlich da. 

Wenn man das ganze Leben betrachtet, ist die Jugendzeit ein kurzer, aber wichtiger Abschnitt und niemand denkt dann daran, dass auch er einmal alt sein wird. In der ersten Klasse, wir waren 32 Erstklässler, war meine 25-jährige Lehrerin für mich schon irgendwie alt. Was denken wohl meine Schüler der 1. bis 3. Klasse über mich? «Steinalt, so alt wie mein Grosi.» Aber ich fühle mich nicht steinalt. Trotzdem ist es soweit und ich bin etwas überrumpelt von diesem Schritt, den ich nicht rückgängig machen kann und auch nicht möchte. 

Wann war das erst noch? Etwa ums Jahr 1968. Da hatte ich einen Franken Taschengeld pro Woche und konnte mir dafür die «Bravo» für 80 Rappen kaufen, wegen dem Starschnitt von Winnetou, den Beatles und Co. und wegen Dr. Sommer, der uns Pubertierenden allerlei Tipps gab. Für die restlichen 20 Rappen kaufte ich manchmal am Bahnhofautomaten vier Zigaretten oder einen Rössli-Stumpen. Rauchen war während der Schulzeit verboten und deshalb interessant. Das waren noch Zeiten. Dann kam die Zeit, als ich gemerkt habe, dass es nicht nur grosse und kleine, reiche und arme Menschen gibt. Nein, es gab plötzlich auch Mädchen, und die Schmetterlinge im Bauch begannen zu flattern. Die Zeit liess sich nicht aufhalten. Ehe, Kinder, Familienleben und neue berufliche Herausforderungen prägten den nächsten Lebensabschnitt. 

Der ganze Lebensweg mit allen Hochs und Tiefs ist für jeden eine Lebensschule, der wir nicht entgehen können. Sie prägt uns, macht uns schwach und dann wieder stark und erfahrener. Nun geht mein Weg weiter. Ich gehe in Rente, wie es so schön heisst. Manche sagen zu mir: «Jetzt hast du Zeit.» – «Was machst du nun?» und «Hättest du in deinem Leben etwas anders gemacht?» Meine Antwort zur letzten Frage ist ein eindeutiges Nein. Es gab in meinem Leben gute und belastende Zeiten, wie meine Augenerkrankung, die Diabetische Retinopathie, die mich zur teilweisen Aufgabe meines Berufes als Lehrer zwang. Waren aber diese Zeiten nicht auch wertvoll und haben mich weitergebracht? 

Könnte ich das Rad zurückdrehen, würde ich mein Leben gleich gestalten. Da wo ich heute angekommen bin, 

da bin ich zufrieden, und der nächste Lebensabschnitt, der liegt in Gottes Hand.



Oswald Bachmann ist Präsident des Schweizerischen Blindenbundes.


18.04.2019 :: Oswald Bachmann, Aeschau
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