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Schwein gehabt
Schwein gehabt Schüpfheim:

Die Schweine auf dem Brügghof in Schüpfheim haben einen Spielplatz, eine Weide, einen Pool und Bodenheizung. Zweimal pro Tag können sie sich je 45 Minuten austoben. Der Gang zum Metzger bleibt den Wiesenschweinen jedoch nicht erspart.

Die blaue Türe schiebt sich nach oben, eine Horde von 35 Schweinen stürmt in den überdachten Aussenplatz. Die einen beginnen sofort, im dick eingestreuten Substrat aus Hobelspänen zu wühlen und sich darin zu vergraben, andere jagen ihren Artgenossen hinterher oder stossen den Ball herum, nur ins Bassin traut sich keine Sau. Das muntere Treiben auf dem knapp 100 Quadratmeter messenden Spielplatz wird begleitet von Quicken und Grunzen. Nach fünf Minuten geht eine weitere blaue Schiebetüre auf, nun ist der Weg frei auf die Wiese. Im Schweinsgalopp gehts in Richtung Bäume, zum Wühlbereich mit Sand, Walderde und Holzschnitzeln. Sofort beginnen die Tiere zu schnüffeln, denn aus einem Rohr werden einmal pro Freigang Maiswürfen auf den Platz geblasen. Nicht alle mögen sich die Mühe machen, diese zu suchen, das Gras schmeckt schliesslich auch. Die Beschäftigung und ein Rasengitter, das überwachsen ist, verhindern, dass die Schweine die ganze Weide umpflügen oder verdichten. Den ungedeckten Bereich können sie nur bei trockenen Verhältnissen betreten. 

Jede Gruppe hat ihren Klingelton

Nach 45 Minuten spielen, schnüffeln und rennen ertönt eine Tonabfolge. Jede Gruppe hat ihren eigenen Klingelton, den sie nach drei, vier Tagen erkennt. Die Schweine spitzen die Ohren, die ersten rennen zurück in den Stall im Wissen, dass es nun Futter gibt. Der Ton wird wiederholt, bis das letzte Tier verschwunden ist und sich die Türe schliesst. Eine Kamera und ein Scanner, der beim Passieren der Türe die Ohrmarke liest, überwachen den Vorgang. Wenn ein Tier der Verlockung des Futtertrogs nicht erliegt und draussen bleibt, erhält der Bauer einen Alarm aufs Smartphone und schaut nach dem Rechten. Im Stall gibts nicht nur zu fressen, die Schweine haben auch Zugang zu einem Wühlbereich. Die Liegefläche ist mit Stroh ausgelegt und verfügt über eine Bodenheizung. Zudem können die Tiere jederzeit auf den Balkon, eine gut 20 Quadratmeter grosse, teilweise gedeckte Freiluftfläche. Nun öffnen sich die Türen der nächsten Buchten, alles geht von vorne los. Immer zwei der insgesamt zehn Gruppen haben gleichzeitig in getrennten Anlagen Auslauf.

Reichen 90 Minuten Auslauf?

Wiesenschweine nennt sich diese Art der Tierhaltung, die Oliver Hess erfunden hat und die erstmals auf dem Brügghof in Schüpfheim umgesetzt wurde. Ist der Name gerechtfertigt, wenn die Schweine täglich zweimal 45 Minuten auf die Wiese dürfen, und das auch nur bei trockenem Wetter? «Eine Sau ruht 16 bis 18 Stunden pro Tag und will nicht immer herumrennen», begründet Hess das Konzept. Die Tiere den ganzen Tag im Dreck herumliegen zu lassen, sei deren Gesundheit auch nicht förderlich. Weiter sei es von Vorteil, dieselbe Fläche für eine grosse Anzahl an Schweinen zu nutzen, das schone die Ressource Boden. Es sei geplant, den Freilauf nach der Startphase auf rund drei Stunden zu erhöhen, stellt er in Aussicht. 

Grösserer Aufwand für Bauern

Nicht nur Oliver Hess, auch Landwirt Franz Studer ist vom Wiesenschwein-System überzeugt. Er zeigt sich zufrieden, wie der Betrieb im ersten halben Jahr gelaufen ist. Die Tiere seien gesünder und robuster, was sich auf die Fleischqualität positiv auswirke. «Nicht zuletzt hat es auch mit Berufsstolz zu tun, die Tiere artgerecht halten zu können», ergänzt Josef Schmid, der zusammen mit Franz Studer eine Betriebsgemeinschaft für die Schweinemast und die 70 Milchkühe führt. Natürlich habe es Kinderkrankheiten gegeben, etwa beim vollautomatische Raus- und Reinlassen. «Das funktionierte nicht immer zu 100 Prozent», sagt Franz Studer. Trotz Hightech sei diese Art der Tierhaltung anspruchsvoller als die konventionelle Schweinemast. «Der Aufwand ist etwa doppelt so hoch», ist die Erfahrung von Josef Schmid. «Die Pflege der verschiedenen Bereiche etwa gibt deutlich mehr zu tun.» Auch müsse man die Tiere besser beobachten, ergänzt Franz Studer. «Wegen der zeitversetzten Fütterung muss man aufpassen, ob jedes Tier genug frisst.» Am Ende der Mast, nach 105 Tagen, sollten die Schweine ein Gewicht von 120 Kilogramm auf die Waage bringen. Das Startgewicht liegt bei zirka 30 Kilogramm. Das Futter stammt aus der Region, auch das eine Vorgabe des Labels. 

Höhere Marge, fixer Preis

Bei aller Tierliebe waren auch die wirtschaftlichen Überlegungen ausschlaggebend, es mit Wiesenschweinen zu probieren. Es gehe darum, die Wertschöpfung für den Betrieb, aber auch für die Region, zu erhöhen, betont Franz Studer. Als Verwaltungsrat der Biosphären Markt AG war er dafür sensibilisiert. Nachdem sie mit Oliver Hess in Kontakt kamen, verwarfen die beiden Landwirte das ursprüngliche Projekt, den bestehenden Betrieb mit einem konventionellen Maststall zu erweitern. Dank der Abnahmeverträge der Wiesenschwein AG, die für den Absatz zuständig ist (siehe Kasten), konnten Franz Studer und Josef Schmid das Abenteuer wagen und die Zusatzinvestition von rund 400’000 Franken tätigen. Die Marge sei rund doppelt so hoch wie bei konventionellem Schweinefleisch, zudem sei der Preis immer für ein Jahr garantiert. «Das bietet uns gerade in dieser Startphase Sicherheit», erkärt Josef Schmid.

Pro Woche müssen 20 Schweine den Gang zum Metzger antreten. Es ist dies das erste Mal, dass sie den Brügghof verlassen, denn Franz Studer betreibt zusätzlich eine eigene Schweinezucht mit 80 Mutterschweinen. Die Hälfte der Ferkel geht an einen auswärtigen Mastbetrieb. 

Die letzte Reise dauert für die Schweine unterschiedlich lang: Jene für die Biosphären Markt AG werden in der Metzgerei Felder in Entlebuch geschlachtet, jene für die fünf Coop-Filialen in der Zentralschweiz in Basel. Der dritte Abnehmer ist die Traitafina AG, welche Gastronomiebetriebe bedient. Im Direktverkauf ist das Fleisch nur über die Biosphären Markt AG erhältlich. Geplant ist, künftig einen Lastwagen für Hofschlachtungen einzusetzen.

Konsument bestimmt über Anzahl Betriebe

Oliver Hess ist es ein Anliegen, möglichst vielen Schweinen in der Schweiz ein würdiges Leben zu ermöglichen. Hess ist Erfinder des Wiesenschweine-Systems und Geschäftsführer der gleichnamigen AG. Diese unterstützt die Landwirte bei der Realisation und der Technik und ist verantwortlich für den Absatz. Und dieser sei bisher sehr erfolgreich, wie Hess betont. Auch das Interesse seitens der Landwirte sei vorhanden, derzeit würden Anfragen von 20 Betrieben auf seinem Tisch liegen, einige davon im Emmental und Entlebuch. «Aber im Endeffekt entscheidet der Konsument, wie viele Betriebe tatsächlich auf das Wiesenschweine-System umstellen können.» Ein Ausbau erfolge nur, wenn die Nachfrage vorhanden sei.

22.08.2019 :: Silvia Wullschläger
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