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Das Eingeritzte Gott übergeben

Es gibt Menschen, von denen man sagen könnte, ihre Seele habe eine Teflonbeschichtung. Da perlen Kritik aber auch 

Medienberichte von schlimmen Ereignissen einfach an ihnen ab. Ob allerdings ihr Leben dadurch reicher oder sinnvoller wird, ist eine andere Frage. Aus einem ganz anderen Holz war Rabbi Mendel geschnitzt, von dem die folgende jüdische Weisheitsgeschichte erzählt. Dieser pflegte zu sagen, alle Menschen, die ihn angegangen hätten, um ihretwillen Gott zu bitten, würden in der Stunde, da er das stille Gebet der achtzehn Segenssprüche verrichte, durch seinen Sinn gehen. Als jemand verwundert fragte, wie das möglich sei, da doch die Zeit dafür nicht reiche, antwortete Rabbi Mendel: «Von der Not eines jeden bleibt eine Spur in meinem Herzen eingeritzt. In der Stunde des Gebets öffne ich mein Herz und sage: ,Herr der Welt, lies ab, was hier geschrieben steht!›» Diese Haltung des Rabbi ist ganz nahe bei jener von Jesus. Auch in seinem Herzen waren die Nöte der Jünger, ja aller Menschen, eingeritzt. Diese Nöte machten ihn betroffen und liessen ihn nicht kalt. Die Menschen spürten sein Mitfühlen (heute würde man sagen: seine Empathie), weshalb sie wagten, sich ihm zu nähern. Mit dieser Kraft zur Empathie schenkt uns Jesus auch heute ein wirksames Heilmittel gegen jenes schlimme Übel, das unser Leben, ja die Gesellschaft von innen her zu zerstören droht: Es ist die Gleichgültigkeit und Unempfindlichkeit gegenüber dem Schicksal der Mitmenschen. Diese Gleichgültigkeit vergiftet und zerstört letztlich von der Wurzel her das eigene Leben sowie das friedliche Zusammenleben der Menschen. Gewiss, die Empathie hat ihren Preis – werden doch die uns anvertrauten Anliegen ins Herz geritzt. Doch ich bin überzeugt: es lohnt sich, ihn zu zahlen.

13.02.2020 :: Rudolf Vogel, röm.-kath. Pfarrer im Ruhestand, Schüpfheim

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