Wenn ein kleines Dorf zur neuen Heimat werden soll

Wenn ein kleines Dorf zur neuen  Heimat werden soll
Am Stammtisch wird Sebi (rechts) mit allerhand Fragen konfrontiert. / Bild: Ruedi Emmenegger (ers)
Escholzmatt: In seiner neuen Eigenproduktion «Grüezi wohl Frau Stirnimaa» zeigt das Theater Escholzmatt mit Witz und Tiefgang, wie eine Stadtfamilie auf dem Land ihren Platz sucht.

Alice Stirnimann (Patricia Portmann) aus der grossen Stadt entdeckt auf einem Besuch die Idylle des kleinen Dorfes: «Da gibt es unberührte Natur, da kennt man sich noch, da fühle ich mich wohl.» Und weil sie empirische Sozialforschung betreibt, wäre die Beobachtung und Beschreibung des Landlebens ein ideales Studienfeld für sie. Gatte Sebi Neumann (Yurick Aregger) und die drei Kinder müssen überzeugt werden, die Züglete auf sich zu nehmen.

Beim Einzug ins neue Heim stehen unversehens die Nachbarinnen mit Kuchen und der Gemeindepräsident mit einem Geschenkkörbli an der Türe. Ist es menschliches Interesse oder pure Neugier? Oder vielleicht Freude über neue Steuerzahlende?


Männerriege, FC oder Yoga-Gruppe?

«Wir müssen mehr am Dorfleben teilnehmen», postuliert Alice am Familientisch. Nun wird ausgehandelt, wer in welchem Verein mitmachen soll. Die Kinder finden sich schnell zurecht, auch in der Schule. Die jugendliche Mia geniesst bald das gemeinsame Hausaufgabenlösen mit Joseph, dem Adoptivsohn des Pfarrers.

Vater Sebi findet Freunde am Stammtisch. Als diese nach dem Beruf seiner Frau fragen, überspielt er seine Verlegenheit und stammelt etwas von «Forst-Studien», was den bierseligen Kumpanen etwas suspekt vorkommt.

Alice ist total in ihre Forschung vertieft und wird sich bewusst, dass ausgerechnet sie den Anschluss verpasst. Das Dorf wird ihr zu eng, die soziale Kontrolle zu nah. Ihre zum Teil sehr kritische Beschreibung der dörflichen Kultur gelangt durch eine Indiskretion an die Medien. Am Stammtisch herrscht Aufruhr. Tochter Mia haut mit Joseph ab. Wie die Geschichte für alle ein gutes Ende findet, bleibe hier offen.


Viele Beteiligte, grosse Spielfreude

«Das Theater Escholzmatt ist in der komfortablen Lage, auf sehr viele spielfreudige Mitglieder zählen zu können», freut sich Regisseurin Nora Banz, die das aktuelle Stück geschrieben hat, an der Hauptprobe. Kinder auf der Bühne haben beim Theater Escholzmatt Tradition, und so seien jeweils ganze Familien in die Produktion involviert. Im Scheinwerferlicht stehen diesmal 22 Darstellende. Für Technik und Organisation kommen noch fast ebenso viele dazu.


Ergreifende Momente

Ein Kompliment verdienen nicht nur – aber besonders – die Hauptdarstellenden für ihre ausdrucksstarke Mimik, die überzeugende Gestik und die flexible Sprache. Aber auch die guten Geister hinter der Bühne seien unverzichtbar, meint Banz. Sie verwandeln durch flinkes Umklappen der Kulissenelemente die Szenerie im Nu in einen Dorfplatz, eine Wohnstube oder den Dorfladen. Die Aufführung lebt von der einfallsreichen Regie, von klar herausgearbeiteten, farbigen Charakteren, den spontan agierenden Kindern, komödiantischen Effekten, heftigen Gefühlsausbrüchen und ergreifenden Momenten.

13.11.2025 :: Ruedi Emmenegger (ers)