Walkringen: Mit ihrer Lesung im Sternenzentrum begeisterte Irene Graf. Ihre aus dem reichen Schatz berndeutscher Mundartwörter geformten Geschichten berührten und bewegten.
Bereits der Einstieg mit «Graber Gödus Güggu» liess das Publikum im Sternenzentrum Walkringen schmunzeln und aufmerksam zuhören. Die rasante Folge an Begriffen, oft lange nicht mehr gehört und doch vertraut, erzeugte ein warmes Gefühl und weckte so manche Erinnerung. Irene Graf gelang es vorzüglich, während der Lesung auf die Anwesenden einzugehen und in Kontakt mit dem Publikum zu treten. Abwechslungsreich und lebendig vorgetragen, lustig und doch besinnlich der Inhalt – die Geschichten und Erlebnisse liessen schmunzeln, lachen oder mitleiden.
In einem Text machte sie sich Gedanken über ihr Lieblingswort. Nein, da könne sie sich nicht festlegen. Es gebe so viele schöne, und dann noch all die «wüeschte». Bei diesen «grusigen» Wörtern verweilte sie noch länger. Oder sie dachte über den inflationären Gebrauch von Ausdrücken wie «Love you» nach. Das «I ha di gärn» sei doch zwar sehr einfach, aber immer noch ehrlich.
«Uf u dervo» – noch ohne Fernsehen
Aufgewachsen ist Irene Graf in Steffisburg, dem «Ort mit dem schönsten Dialekt». Später sei sie dann mit der Familie ausgewandert, aber noch ohne Fernsehen und «Uf u dervo»-Sendung. Sie schilderte anschaulich, wie sie ins Auto gestiegen seien und dann rund 50 Kilometer später in Adelboden ankamen. Dort habe man eine komplett andere Sprache gesprochen, erzählte sie zur Belustigung der Anwesenden. Ganz im Sack hatte sie ihr weibliches Publikum, als sie ihren peinlichsten Kleidermoment im Bälliz in Thun schilderte.
Als Autorin ist Irene Graf eine Quereinsteigerin. Gelernt habe sie ursprünglich das KV. Nachdem sie eine berndeutsche Adventsgeschichte verfasst hatte, begann sie, auch andere Texte für ein grösseres Publikum zu verfassen. «Eigentlech hani vo nüt e Ahnig u maches glych», beschrieb sie ihre diversen Funktionen. So habe
sie als Trauerrednerin geamtet, als Kolumnistin geschrieben oder sei als Quereinsteigerin Mutter geworden. Auch in der Schule sei sie heute tätig. Und sie leite den Mundart-Verlag in Adelboden.
Nahe beim Publikum
Irene Grafs Auftritt als Lesung zu bezeichnen, scheint zu bescheiden. Da verknüpfte eine Wortakrobatin bekannte Liedtitel zu neuen Texten, da bezauberte eine Künstlerin mit treffenden Wortspielen. Und dabei blieb sie nah beim Publikum und nahm es mit auf eine Reise in vergangene Zeiten, mit Hitparade und Kassettengerät am Sonntagnachmittag oder zur ersten Liebe beim Veloständer hinter dem Schulhaus.
Was sie mit ihren Büchern erreichen wolle, werde sie häufig gefragt. «Für mich sind die Bücher eine Liebeserklärung an die Sprache, die Mundart und die Menschen», erklärte Graf. Und wenn sie von Leuten erzähle, die nicht mehr da seien, dann würden sie doch in den Erzählungen weiterleben.