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Traditionen im Wandel und Handel

Inmitten meines traditionellen Frühlingsputzes gönne ich mir eine Kaffeepause und blättere durch Werbeprospekte. Einer über Reisen weckt meine Aufmerksamkeit. Mittendrin die Schweiz mit Fahne, Alphorn und Trachten. Kopfschüttelnd lege ich den Prospekt beiseite. Eine Reduktion der Schweiz auf so wenig, wo sie so viel zu bieten hat. Klar, Traditionen sind wichtig, aber nicht jeder Ritus zählt bei allen gleich. Die Jungen würden gerne alte Zöpfe abschneiden, während die Älteren gerne festhalten. Das merke ich an mir, Altbewährtes hat sich bewährt. Neues muss ich zulassen wollen, damit es sich bewähren kann. Manche Tradition schleicht sich aber auch ein. Wer-bung sei Dank. So ist der Osterhase direkt hinter dem vor Jahren noch unbekannten Valentin in das Ladenlokal gehüpft, der zuvor mit Blumen die längst reduzierten Weihnachtsmänner aus dem Regal geschubst hat. Soll der Mensch dauerhaft verführt werden? Wahrscheinlich gibt es bald den Fastenhasen, um die Tradition vom Fasten ab Aschermittwoch aufleben zu lassen. Diese ist nämlich in den Hintergrund geraten, da Verzicht nicht zeitgemäss ist. Mein Blick gilt dem Osterhasen, dem ich beim Kaffee die Ohren abgebissen habe. Erwischt. Mich hat die Auswahl verführt. Sind Traditionen ein Teil, um zu belohnen? Schokolade, Blumen, Wein für Stunden zu zweit, als Dankeschön, für Kollegen, Partner, Mutter oder Vater? Wie klappt das dann mit Tradition und Reisen? Spricht die Werbung Menschen an, die diese Traditionen pflegen oder neugierig sind auf unbekannten Sitten? Alte Bräuche sind wie ein Beet voller Blumen, abhängig von vielen Faktoren und wandelbar im Aussehen. Pflanzen, die wir lieben, pflegen wir aufopferungsvoll. Der Vogel Wirtschaft und Wandel der Zeit manipuliert unser Beet, pflanzt Neues. Wenn es uns gefällt, dann darf es bleiben. Nicht zuletzt verändern wir selbst die einst gelernten Traditionen. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht und ich singe das Kinderlied: «Stups der kleine Osterhase, fällt andauernd auf die Nase…» In meinen Kindertagen gab es Karfreitag Struwen und Ostersonntag ein Osternest. Meine Kinder kennen an Karfreitag Struwen, aber unser Osterhase war Stups, der kleine Schussel. Er verlor seine Eier und hatte kein Nest. Obwohl wir gemeinsam mit den Kindern kriechend die Wohnung absuchten, manches Ei blieb lange unentdeckt. Eins ist klar, Tradition ist Liebe. Schon Goethe sagte: Was man nicht liebt, kann man nicht machen – und wohl auch nicht pflegen. Bleiben wir bei Altbewährtem mit Offenheit für Neues. 

21.03.2019 ::

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