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Ich will

Nennen wir sie Therese. Therese ist in einer Zeit aufgewachsen, da es verpönt war, «Ich will» zu sagen. Mehr noch: Alleine das Wort «Ich» war damals ihren Erziehenden – Eltern, Lehrer, Pfarrer – suspekt. So wurde aus dem «Ich habe Hunger» ein «Es ist schon halb Eins» oder ein «Wir könnten uns jetzt die Hände waschen ». Das ist Therese sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen, noch heute hat sie Mühe, klar zu sagen, was sie will. 

Therese wohnt in einem kleinen Haus mit einem wunderschönen Garten. Trotz ihres Alters bewerkstelligt sie ihren Alltag – und hierzu gehört die Gartenpflege – noch weitgehend selbständig. Denn auch das hat sie gelernt und verinnerlicht: Hilfe anfordern geziemt sich nicht. Kein Wunder also, dass ihr Garten und ihr Haus perfekt gepflegt sind. Dass sie dabei immer häufiger an ihre körperlichen Grenzen kommt, darüber schweigt sie. Bei meinem letzten Besuch spazieren wir durch den – wie gesagt – tip-top gepflegten Garten. «Jetzt spürt man den Frühling schon überall», sagt sie. Und eigentlich müsste das eine freudvolle Aussage sein, doch ihr Unterton gemahnt eher an einen Vorwurf, was mich stutzig macht. 

Ich kenne Therese seit vielen Jahren und weiss, dass es zu nichts führt, sie mit Fragen zu löchern; Wenn man ihr Zeit lässt, erfährt man dann schon, wo der Schuh drückt. Also warte ich, bis sie den Faden wieder aufnimmt. «Siehst die Trauerweide, sie beginnt schon wieder auszuschlagen.» Immer noch der Unterton. Und ich sage immer noch nichts, nicke nur zustimmend. «Der Baum ist wunderschön», fährt Therese fort. «Und die vielen Blätter, einfach wunderschön.» Ohne darüber nachdenken zu müssen, weiss ich aus meiner Erfahrung, was sie eigentlich sagen möchte: Die Trauerweide lässt im Herbst ihre Blätter fallen, diese lagern sich über den Winter in der Dachrinne, verstopfen diese, im Frühjahr kann dann das Wasser nicht mehr ablaufen und schwappt über die Dachrinne. «Ich will, dass du für mich die Dachrinne reinigst», möchte Therese eigentlich sagen. Doch sie wiederholt – mit dem traurigen Unterton – lediglich: «Die Trauerweide ist wunderschön.» Dieser «verdeckte Appell», wie man in der Wissenschaft solche Äusserungen nennt, kommt bei mir zwar an, ich entscheide mich aber dafür, ihn zu ignorieren. Solange zu ignorieren, bis es Therese gelingt, mir klar zu sagen, was sie will. «Ich werde sie schon dazu bringen, Klartext zu sprechen», denke ich. Und dann wird mir bewusst, dass ich sie mit meiner Ignoranz genauso manipuliere wie sie mich mit ihrem verdeckten Appell. «Wo hast du die Leiter?», frage ich Therese und reinige die Dachrinne. Jetzt endlich ist die Trauerweide wirklich schön.



23.03.2017 :: Roland Ducommun Oberthal
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