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Stolpersteine und ihre Botschaft

Ein Grauen erfasste mich, als ich mal wieder meinen Namen googelte. Vielleicht ist es Eitelkeit, weil ich beobachten möchte, wie viele meiner Texte im Netz kursieren. Doch auch das Interesse an meiner Familie treibt mich dazu. Kürzlich aber stockte mir bei einem Treffer der Atem: «Helene Burghagen, geb. Nathan, Jahrgang 1866, deportiert 1944 Theresienstadt, Tot 28.2.1944». Diese Inschrift stand auf einem sogenannten Stolperstein. Solche Pflastersteine aus Messing werden im Rahmen eines Kunstprojekts von Gunter Demnig vor Häusern ins Trottoir eingelassen, aus denen Menschen im Nationalsozialismus verschleppt und ermordet wurden. Derzeit gibt es rund 60’000 Stolpersteine europaweit. Der von Helene befindet sich vor dem Haus Landwehr 37 in Hamburg. Wann immer ich einen Stolperstein entdecke gehe ich in die Knie, putze ihn mit der blossen Hand und halte einen Moment inne. Als Helene Burghagen, Tochter jüdischer Eltern, am 19. Januar 1944 im Alter von 78 Jahren ins KZ Theresienstadt deportiert wurde, war sie schwer krank und starb innert sechs Wochen. Sie hatte in einer «privilegierten Mischehe» mit Georg Johannes Burghagen gelebt, doch mit dem Tod ihres Mannes 1935 den teilweisen Schutz verloren, den ihr die Heirat mit einem «arischen» Partner geboten hatte. Mit Hilfe ihrer Familie gelang es, eine Einquartierung in ein «Judenhaus» und eine frühere Deportation zu verhindern. 

Je älter ich werde, desto grauenvoller stellen sich mir die barbarischen Verbrechen des Naziregimes dar. Meinen eher seltenen Nachnamen auf einem Stolperstein zu finden, bezieht mich zudem auf brutale Weise mit ein. Einige werden sagen: Das ist doch schon so lange her. Doch ich frage mich, ob mein Land seine Hausaufgaben in Geschichte wirklich gemacht hat? Am Sonntag sind Bundestagswahlen in Deutschland: Ich mache mir grosse Sorgen wegen des Rechtsrucks. Angela Merkel wird ihrem engelsgleichen Vornamen zwar nicht immer gerecht. Und (Sankt) Martin Schulz wird seinen Mantel auch nicht mit seinen Mitmenschen teilen, wenn ihm selbst kalt wird. Aber im Gegensatz zu diesen Demokraten erfahren Hetzer mit schwarz-brauner Gesinnung gerade einen Zulauf, der mir die Schamesröte ins Gesicht treibt. Sonntagabend werde ich in einem Ferienzimmer in Rostock vor dem Fernseher sitzen und inbrünstig hoffen, dass Leute, welche die Geschichte leugnen und den Zweiten Weltkrieg und seine Verantwortlichen verharmlosen, nicht die Gunst der Massen an sich reissen – nicht nur für Deutschland.



21.09.2017 :: Christina Burghagen Signau
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