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Meine Weihnacht mit dem Fett-Trennkännchen

«Komm schnell her», rief ich im Discounter begeistert meiner Freundin zu. Mit wehendem Haar eilte sie herbei. In der Kühltruhe lagen kopflose Tiere. Sie müssen wissen, dass ich vor Weihnachten immer auf die Pirsch nach Gänsen gehe. Es ist eine besondere Entdeckungsjagd, bis ich das Schnattertier in den Niederungen einer Supermarkttruhe finde. Ich brauche für mein seelisches Gleichgewicht eine erlegte Gans. Dieses Unterfangen erweist sich in der Schweiz als schwierig. Aber ich war noch immer erfolgreich.

Letztes Jahr wurde ich in Schönbühl fündig und trug das Tier zufrieden heim. Aufgrund meiner extrem guten Laune schenkte ich meiner Freundin ebenfalls eine Gans. Zuvor hatte ich in diesem Kaffeegeschäft, das auch BHs, Teflonpfannen und Schlauchboote anbietet, ein Fett-Trennkännchen gekauft. Diese Kännchen aus Glas besitzen eine sehr tief angesetzte Tülle, wie wir in Deutschland einen Ausguss zu bezeichnen pflegen. Wenn Sie Bratensaft hineingiessen, schwimmt das Fett obenauf, wie es so seine Art ist. Im unteren Bereich sammelt sich dagegen feiner Fond, nahezu fettfrei. Was für ein praktisches Ding! 

So schoben denn am 24. Dezember meine Freundin und ich zeitgleich die Gänse in unsere Öfen. So duftet Weihnachten, dachte ich noch und begoss vier Stunden lang das Tier regelmässig mit runtertropfendem Saft. Als der knusprige Braten vor mir stand, war meine Weihnachtswelt in Ordnung. Nur das Fett-Trennkännchen war wohl defekt. Ich hatte den Bratensaft aus dem tiefen Blech unter dem Vogel ins Kännchen gegossen und wartete auf das «Fett oben – Fond unten». Nichts tat sich! ...bis ich endlich schnallte, was aus der Gans heraus geflossen war: Das konnte man nicht als Fond bezeichnen – es war pures Gänseschmalz! So verstaute ich das Trennkännchen-Fett in einer Plastikdose im Kühlschrank. 

Tags darauf rief ich meine Freundin an, um ihr fröhliche Weihnachten zu wünschen. Ihr sei nicht recht wohl, klagte sie. Wie denn die Gans geschmeckt habe? Sehr, sehr fein, schwärmte sie, vor allem die Sauce! Nun erzählte ich von meinem vollfetten Erlebnis, und dass es nichts zu trennen gehabt habe. Ich höre das Lachen meiner Freundin noch: «Jetzt weiss ich, warum ich mich letzte Nacht vor Bauchkrämpfen gekrümmt habe», japste sie: «Ich hab das pure Fett gefressen...» Wohl dem, der ein Fett-Trennkännchen besitzt, ausserdem ist es ein so schönes Wort. Und Gänseschmalz auf frischem Brot, mit etwas Salz drauf, ist auch sehr lecker, im Fall.

13.12.2018 :: Christina Burghagen Signau

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