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Auf Messers Schneide

Eigentlich wollte ich mich heute über etwas ganz anderes auslassen. Themen wie der stotternde Weltmotor, Trumpistan und andere Schurkenstaaten oder überhaupt der allgemeine Zerfall der Werte, hätten bei meinem momentanen Gemütszustand einiges hergegeben. Aber zum einen wird solcherlei ja zur Genüge breitgewalzt, und zum andern ist gerade etwas viel Wichtigeres und vor allen Dingen Angenehmeres passiert: Ich habe mich mit Onkel Theo versöhnt. 

Zerwürfnisse mit Theo, deren Reparatur eingeschlossen, pflegen nach einem erstaunlich konstanten Prozedere zu verlaufen. Im Anschluss an ein zumeist ziemlich wüstes Wortgefecht herrscht zwischen uns zunächst für ein knappes halbes Jährchen Funkstille. Dann aber liegt eines Tages eine unter- oder überhaupt nicht frankierte Postkarte im Briefkasten mit den Worten «Wir müssen reden», gefolgt von einer präzisen Orts- und Zeitangabe. Die Zeit ist stets zwölf Uhr; die Örtlichkeit dagegen wechselt, ist aber in jedem Fall ein angeschriebenes Haus, das in gastronomischer Hinsicht über einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügt. 

Damit kann sich der Kreis schliessen. Was mit einem unschönen Disput begonnen hat, endet jetzt mit einem versöhnenden Arbeitsessen – oder, etwas weniger prosaisch – einem zünftigen Gelage, das in seiner Deftigkeit nicht selten die Grenze des Ästhetischen zu ritzen vermag. Wir verfügen ja beide über einen gesunden Appetit und neigen unter gewissen Umständen gar leicht zum Überborden; diesem förderlich ist zudem, dass Geiz nicht zu Theos Charakterschwächen zählt. Unangenehmerweise wäre nun diesmal unser fragiles Verhältnis bei einem Haar schon kurz nach dem an sich so erfreulichen Einsatz für den Frieden gleich wieder entgleist, und es wäre zu billig, den paar den Merängge folgenden Gläschen des köstlichen «Vieille Poire» dafür die Schuld zu geben. Als Theo den vor der Alpwirtschaft parkierten Mountain Bikes ansichtig wurde, nahm das Unheil seinen Lauf. Nach genauerem Hinschauen und der Feststellung, dass sieben der elf Bergräder elektrifiziert waren, begann Theo alsogleich und lautstark über lauwarme Töfflibuben, saftlose Möchtegernsportler und Stromstrampler zu referieren. Er war kaum zu bremsen, und meinen Einwurf, dass halt auch Bergvelo-Fahrer alt und gebrechlich werden und dann auf Steighilfen angewiesen sind, wollte Theo à tout prix nicht in seine Überlegungen einbeziehen. Ich habe ihn diesmal um des Friedens willen schwadronieren lassen. Es wäre ja auch jammerschade um das wirklich erfreuliche Mittagsmahl gewesen.

12.07.2018 :: Dieter Sigrist, Sumiswald
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