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Tschau, uf Widerluege und Tschüss

Wenn ich als Kind vergass zu grüssen, musste ich nicht lange auf Mutters Rüge warten: «Guten Morgen sagt der Bauer, wenn er in den Stall kommt!» pflegte sie zu sagen. Ich sollte dann jeweils den Raum verlassen, um erneut grüssend einzutreten. Beim Abschied gab man das schöne Händchen, also die rechte, und in den 1960er-Jahren garnierte man als kleines Mädchen das Ganze mit einem Knicks. Grüssen, Verabschieden, Danke und Bitte waren enorm wichtig in unserem Hause. 

Doch was sich hierzulande grüssend und verabschiedend abspielt, geht weit über meine Erziehung hinaus. Jüngst sah ich mich mal wieder mit dieser Herausforderung konfrontiert, als ich meinen Partner zu einer Benefizveranstaltung begleitete, die mehrere Stunden dauerte. Seine Frage «Gehen wir?» bejahte ich müde. Ich eilte zur Garderobe, packte mich in Schal und Mantel und hielt Ausschau nach meinem Mann, der ins Gespräch vertieft komischerweise nicht den Eindruck machte, als ob er gehen wolle. Ah doch, er löste sich von dem Pärchen und... nein, nun redete er mit einem Mann. Mir wurde warm im Mantel. Er winkte mich heran. «Darf ich vorstellen, das ist ein alter Schulkollege. Wir haben uns ewig nicht gesehen.» 

 

Ich lächelte höflich wie eine Hyäne und schickte ein stilles Stossgebet gen Himmel endlich gehen zu dürfen. Zehn Minuten später standen wir mit zwei Frauen zusammen, die er ewig nicht gesehen hatte. Inzwischen trug ich den Mantel überm Arm. Dann musste er sich von Urs, Beat, Therese, Regula, Hinz, Kunz, Meier, Müller, Lehmann, Schmidt verabschieden – natürlich jeweils mit dem Austausch von Kurz-Biografien, Lebensweisheiten und Kochrezepten. Inzwischen hatte ich mich hingesetzt und war wohl eingenickt, als mein Partner mich anstupste: «Wollten wir nicht gehen?!» Sehr lustig! Ich wollte schon. Meine Laune sah mittlerweile wie eine Kreuzung zwischen hysterischer Müdigkeit und genervter Angriffslust aus. Im Zug (es war der Letzte ins Emmental) trafen wir dann noch ein Ehepaar, das er ewig nicht gesehen hatte. Das Gelächter bei den Weisst-du-noch-Geschichten nahm kein Ende. Mein Partner zeigte sich erstaunt über meine miese Laune. Da war sie wieder, die Kulturen-Karambolage. Ich fauchte: «Wenn wir in Deutschland eine Gesellschaft besucht haben und gehen wollen, klopfen wir zweimal auf den Tisch, rufen Tschüss – und weg sind wir.» Okay, ich lerne dazu: Danke fürs Lesen, ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Passen Sie auf sich auf. Schöne Weihnachten! Klopf, klopf. 


16.11.2017 :: Christina Burghagen ist Freie Journalistin und bietet Anlässe an zum Thema «Essen wie im alten Bern»
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