Anmelden
Immer wieder Sonntag(s)
Sonntage waren für mich als Kind irgendwie ätzend. Wir wohnten in einer kleinen aber feinen Siedlung, und am Sonntag galt die Regel, dass man nicht bei anderen Kindern läuten durfte, um zu fragen, ob sie rauskommen zum Spielen. Das hat natürlich jeweils wahnsinnig genervt. Mein Trick: Ich spielte so laut draussen, dass die anderen Kinder auf mich aufmerksam wurden und auch raus kamen. Am Sonntagmorgen gings jeweils schon speziell los. Ausschlafen war das eine, das fand ich noch toll, aber dann durften wir nur entweder klassische Musik oder Jazz hören. Wenigstens konnte ich zwischen den Schallplatten auswählen und hab natürlich immer was jazziges rausgesucht. Anschliessend gabs den Sonntagsbrunch. Irgendwie etwas zu essen und doch nichts Richtiges. Mit vermeintlich vollem Magen gings auf den Sonntagsspaziergang. (Wird dies heute noch oft gemacht ?) Er wurde «Gurte-Chehrli» genannt. Wobei man da wirklich nicht von «Chehrli» sprechen konnte. Dieser Sonntagsspaziergang über den Gurten dauerte den ganzen Nachmittag. Einziger Trost: Es gab eine Stelle, wo immer wieder Katzen auf uns Spaziergänger warteten. Früher hatte man auch noch nichts zu trinken dabei. Da hiess es einfach: «Hesch Durst, de schlüf ine Wurst.» Da bekam ich natürlich erst recht Durst. Wenigstens mussten wir nicht noch Sonntagskleider (gibt es das heute noch?) anziehen. Auch wurde bei uns auf das Sonntagsgeschirr (ist sowas heute noch im Einsatz?) verzichtet, obwohl dies vorhanden war. Wenn wir nach Hause kamen, gabs zum Znacht noch den Sonntagsbraten. (Den gibts sogar bei uns noch.) Wieder mit Klassik oder Jazz. Alles in allem erschien mir als Kind der Sonntag einfach nur langweilig und öde. Mein Vater hat dies wohl gemerkt. Auf jeden Fall gingen wir, als ich etwas älter wurde, immer am Sonntag in den Bahnhof Bern. Da war wenigstens etwas los. Auch heute noch habe ich zum Sonntag ein zwiespältiges Verhältnis. Klar geniesse ich das traute Beisammensein mit der Familie. Aber am Samstag gelingt mir dies besser. Am Sonntag schleicht alles dahin. Man wird träge. Am schlimmsten finde ich, wenn ich an einem sonnigen Nachmittag im TV noch Skirennen gucken sollte. Da kommt es mir jeweils sehr gelegen, wenn ich sonntags arbeiten kann. Obwohl ich mich da mit den Sonntagsfahrern (ja, die gibt es noch!) rumschlagen muss. Aber für eine schöne Portion News nehme ich dies in Kauf. Jene kennen zum Glück keinen Sonntag. Und wenn ich ganz grosses Glück habe, stehen sogar noch Wahlen oder Abstimmungen an.
16.02.2017 :: Michelle Renaud ist Journalistin, News-Moderatorin bei Telebärn und Mutter. Sie wohnt im Emmental.
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr