Wie reich waren die Jahre, in denen die Medien noch richtig viel Platz, Personal und Plausch an Selbstversuchen hatten. Ob Fitnesstrends, Funktionskleidung, Kosmetikprodukte, Therapieformen, Nahrungsmittel, alles durfte ich als Journalistin ausprobieren, um dann darüber zu berichten. So erfuhr ich im Rahmen eines Tests von Selbstbräunungscremes etwa am eigenen Leib, wie unangenehm es ist, ständig angestarrt zu werden. In einem Balletttraining für erwachsene Wiedereinsteigerinnen begrub ich den Traum, dass ein zartrosa Trikot meinem Körper nach drei Schwangerschaften und 15 Besuchen im Tattoostudio je wieder schmeicheln würde. Und als ich mich irgendwann später von Berufes wegen auf einer Dating-Plattform tummelte, lernte ich meinen Ex-Partner kennen, an dem ich, sagen wir: wuchs. Ich war zu Selbsterfahrungszwecken in einem Jodelkurs, liess mir aus der Hand lesen, schrieb über meine Erfahrungen im Damenpissoir und kasteite mich mit diversen Diäten. Ach, und einmal schickte mich die Redaktion zu einem Anti-Flugangst-Seminar. Danach konnte ich bis zur nächsten Flugreise glauben, dass Flugzeuge bei Turbulenzen nur innerlich durchgeschüttelt werden, während sie äusserlich ganz ruhig bleiben. Und dass der Autopilot inzwischen vertrauenswürdiger ist als menschliche Flugkompetenzen. Wie dem auch sei, heute ist mein Beruf ein anderer. Die Tradition der Selbsttests pflege ich aber immer noch mit Leidenschaft. Seit ein paar Tagen bin ich beispielsweise wieder mit einem Nokia 3210 unterwegs. Ich will herausfinden, ob ich ohne mein Smartphone überhaupt noch lebensfähig bin. Und wiederentdecken, was die drei Stunden Bildschirmzeit pro Tag über die Jahre aus meinem Leben verdrängt haben. Meine bisherige Erkenntnis ist kaum überraschend: Ich lebe noch. Und anstatt im Zug alle drei Sekunden eine Promi-Ehe oder eine verflossene Liebe zu googeln, zerlege ich meine Gedanken wieder häufiger bis ins Hinterletzte. Auf diese Weise bin ich kürzlich auf folgende, tiefere Bedeutung von Selbsttests gestossen: Handle es sich auch um noch so Triviales wie das Probelaufen von Zehenschuhen, eigens gewonnene Erkenntnisse sind von unermesslichem Wert! Denn selbst erfahren bedeutet immer auch neugierig bleiben, kritisch sein, reflektieren, Vorurteile abbauen, eine eigene Meinung bilden wollen.
Und Letzteres war nie wichtiger als heutzutage, wo nichts gefährlicher ist, als alle Informationen, die auf uns einprasseln, unhinterfragt zu schlucken.