Verbales Tauziehen und jede Menge Emotionen kennzeichnen die Komödie «Die spanische Fliege». / Bild: Andreas Reber (ral)
Langnau: Der Theater- und Kunstverein Langnau präsentiert die Komödie «Die spanische Fliege» in der Kupferschmiede mit 50er-Jahre-Charme.
«Mit den Mädchen ist es wie mit dem Senf: Wenn sie eingetrocknet sind, will sie keiner mehr», verkündet Senffabrikant Ludwig Klinke (Rémy Pfirter) männerwichtig. Während seine Gattin Emma (Beatrice Bieri) als Präsidentin des Vereins für Mutterschutz die Moral hütet, hegt ihr Mann ein dunkles Geheimnis. Einst hatte er ein Techtelmechtel mit der Tänzerin Rosita, die als «Spanische Fliege» im Tivoli auftrat. Einmal Abendbrot mit ihr gegessen und zack, war sie schwanger. Ein Babyfoto, das sie ihm schickte, zwang ihn dazu, 24 Jahre lang Alimente zu bezahlen. Das darf seine Frau natürlich nicht wissen. Mit elefantös schlechtem Gewissen versucht er das Geheimnis zu hüten, damit sein Fehltritt ihn nicht ins Stolpern bringt.
Eine echte Nulpe
Nur blöd, dass Rechtsanwalt Fritz Gerlach (Matthias Muff) die entlarvenden Unterlagen in seiner Kanzlei stapelt. Der wiederum ist der Angebetete von Paula Klinke (Fabienne Wüthrich), der Tochter des Hauses. Doch dann erst kommen die Verwicklungen so richtig in Fahrt. Denn Emma hat für ihre Tochter Paula Heinrich Meisel (Dario Beer) als Bräutigam in Spe kommen lassen. Im grosskarierten Anzug und Kreissäge auf dem Kopf steht er auf der Matte und wird zunächst von Ludwig Klinke als echte Nulpe bezeichnet. Dann aber schwant ihm, dass Heinrich sein Sohn sein könnte. Doch auch andere Personen aus der Familie kannten die «Spanische Fliege» - oder werden zumindest verdächtigt. Dann verliebt sich Cousine Wally (Laura Isabelle Schenkel) auch noch in Heinrich...
Bleistiftrock und Cocktailsessel
In dem 1913 uraufgeführten Schwank «Die spanische Fliege» vom Autoren-Erfolgsduo Franz Arnold und Ernst Bach gibt es sprühende, verwickelte Gespräche: Honorige Bürger geraten von einer grauenhaften Verlegenheit in die andere, weil sie stets die Situation verkennen und jedermann für jemanden halten, der er nicht ist. Der Theater- und Kunstverein Langnau, respektive Regisseur Patrick Martignoni, der auch das Bühnenbild samt Cocktailsessel und dreieckigem Couchtisch entwarf, verlegte die Komödie in die 1950er-Jahre in Deutschland, in dem so manchem das Wirtschaftswunder erschien, so auch Senffabrikant Ludwig Klinke. Die Kostüme von Theres Aebersold, Trudi Schwitter und Erika Haudenschild lassen weder Bleistiftrock noch Herren in Schlips und Kragen missen.
Emanzipatorische Steinzeit
Die Zeiten, in denen Ehegatten die Arbeitsstelle der Frau kündigen durften, die Frau jedoch ohne ihren Mann kein Konto eröffnen konnten, sind glücklicherweise vorbei. In der Inszenierung meint der Betrachtende zuweilen, in die emanzipatorische Steinzeit geraten zu sein. Frauen wollen geheiratet werden und Männer trommeln sich wichtig auf die Brust. Viel Spass machen die Herren der Schöpfung, wenn ihnen angesichts ihrer Sünden der Allerwerteste auf Grundeis geht. In brillantem Bühnendeutsch fühlen sich alle Darstellenden zu Hause und spielen auf Augenhöhe. Herrlich wäre es gewesen, wenn Heinrich Meisel aus Chemnitz gar sächsisch gesprochen hätte. Dafür beherrscht es Darsteller Dario Beer vortrefflich, den tapsigen Welpen zu geben. In weiteren Rollen sind Ruedi Rohrbach, Johannes Schröder, Urs Buchser, Tony Feller, Rösi Jäggi und Gaby Kropf-Hofer zu sehen.