Paul Sägesser hat Gedichte von Andrea Drumbl gemalt. / Bild: Paul Sägesser
Obergoldbach: Das kürzlich erschienene Buch «Wir haben das Dasein geübt» stellt Gedichte von Andrea Drumbl den Bildern des Emmentaler Künstlers Paul Sägesser gegenüber.
Wer ist dieser Mann, der gerade ein vielbeachtetes Kunstbuch veröffentlicht hat, den man aber hierzulande kaum kennt? Mit dieser Frage im Hinterkopf besuchen wir den Künstler in seinem Haus in Obergoldbach. Freundlich führt Paul Sägesser in eine helle Stube. Grossformatige Bilder hängen an den Wänden, im Nebenzimmer steht eine Bibliothek voller Bücher. Tatsächlich hat die Literatur im Leben von Paul Sägesser immer schon eine Rolle gespielt. «Ich war ein stilles Kind, das gerne las und zeichnete. Später führte mich ein Freund in die Buchkunst ein. Ich lernte den Holzschnitt kennen und begann, Bücher von zeitgenössischen Schriftstellern wie Walter Vogt zu illustrieren. Die intellektuelle Sicht auf die Welt interessierte mich. Zudem hoffte ich, mit den Illustrationen bekannt zu werden.»
Intensive Zeit in Spanien
Ende der 1980er-Jahre wanderte Sägesser mit seiner Partnerin und späteren Frau nach Spanien aus. «Wir waren jung und folgten dem Beispiel vieler unserer Bekannten.» In dieser Zeit malte er intensiv, schuf Skulpturen und stellte seine Werke in der Schweiz, in Spanien und in Deutschland aus. Vielleicht wäre das Künstlerpaar im Süden geblieben, wenn nicht ihr Sohn auf die Welt gekommen wäre. «Meine Frau und ich wollten, dass unser Sohn in soliden Verhältnissen aufwachsen konnte. Deshalb kehrten wir in die Schweiz zurück und nahmen beide eine Stelle an.» Nach seiner Rückkehr stellte Sägesser seine Werke nicht mehr öffentlich aus, sondern malte nur noch für sich, seine Freunde und Sammler. Eines Tages stiess er in einer Literaturzeitung auf die Gedichte von Andrea Drumbl, einer in Österreich gefeierten Schriftstellerin und Lyrikerin. Er las Verse wie «Wir haben das Dasein geübt und waren doch immer abwesend» oder «Sätze sinken zu Boden und strahlen tief in ihrem Wundsein». Die Gedichte brachten etwas in ihm in Schwingung. Sägesser verspürte den Drang, die Gedichte zu malen. Ein intensiver künstlerischer Austausch zwischen der Dichterin und dem Maler begann.
Überraschende Bilder
Der Dialog zwischen Gedicht und Bild kann nun in einem kürzlich erschienenen Buch bewundert werden. Sägesser gelingt es, die zwischen Traumwelt und Realität schwebenden Texte in überraschenden Bildern festzuhalten. Zu Drumbls Gedicht «Sonnen, in Gläsern gefangen, gehen ebenfalls unter» malt er ein rotes Objekt, das einerseits an die untergehende Sonne, andererseits an ein Herz erinnert. Die Vergänglichkeit, auf die das Gedicht anspielt, stellt der Künstler in Form einer brüchigen Leiter dar, die er diagonal über das Bild legt. Bei anderen Gedichten baut er mit Zeitungspapier, Farbschichten, Papierfötzeli und Gips mehrschichtige geheimnisvolle Collagen. Dass das Buch ausgerechnet beim Verlag Scheidegger&Spiess, einem renommierten Kunstverlag, erschienen ist, freut den Maler besonders. Sägesser fotografierte seine Werke selber und konnte bei der Gestaltung mitreden. «Mit der Reproduktion meiner Bilder bin ich sehr zufrieden», hält er denn auch glücklich fest. Ohne, dass er es merkte, hat die Zeit für ihn gearbeitet.