Spannende Einblicke

Spannende Einblicke
Schon Foto-grafen früherer Zeiten ist das Bauernhaus Hohlenfluh aufgefallen. / Bild: Heimatbuch Eggiwil
Eggiwil: Das neue Heimatbuch Eggiwil ist erschienen. An der Buchvernissage am Samstag wurde unter grossem Aufmarsch das von vielen heiss ersehnte Werk ausgeliefert.

«Als Bettlektüre eignet sich das Buch nicht», meinte Autor Hans Minder an der Buchvernissage und lachte. «Ich lehne jede Verantwortung ab, sollte jemand dabei erdrückt werden.» Welche Fülle an Informationen steckt in dem fünf Kilogramm schweren Buch! Was das Team um Hans Minder, Klaus Maurer, Simon Bichsel und Ruedi Wyss mit Hilfe der jeweiligen Bezirksvertreter zusammengetragen hat, ist mehr als erstaunlich. Beeindruckend ist auch die Bereitschaft zahlreicher Familien, ihre Fotoalben und Privatdokumente öffentlich zu machen. «Nach unserer überraschend gut besuchten Info-Veranstaltung vor einem Jahr kamen immer wieder Leute auf uns zu und brachten schachtelweise Material. Dies alles zu verwerten, brauchte noch einmal Zeit. Es waren aber so interessante Dokumente, dass wir schliesslich von der ursprünglichen Meinung abrückten, das Buch solle weniger als 1000 Seiten umfassen. Zum Glück fanden wir einen Buchbinder, der uns versicherte, auch die dickere Fassung sei technisch machbar», erzählten die Mitglieder des Kernteams.


Eigene Kirche für bessere Kontrolle

Eggiwil war bis zum Bau der Kirche in den 1630er-Jahren keine eigenständige Gemeinde, sondern ein Teil der «Kirchhöri» Signau. Der Kirchenbau hatte ausdrücklich zum Ziel, die Täufer besser in den Griff zu bekommen. Der Staat konnte so in der Person des Pfarrers eine Art Wachhund vor Ort platzieren, um dieser «Irrlehre» entgegenzuwirken.

Nur wenige Nicht-Einheimische machen sich eine Vorstellung von der Abgeschiedenheit und Wildheit der schroffen Eggiwiler Chrächen. Viele der heute gut erschlossenen Heimwesen auf über 1000 Meter über Meer waren bis vor 150 Jahren schwer zugängliche Alpberge, reine Sommerweiden (beispielsweise Grosshorben, Pfaffenmoos, Steinboden, Hürlisegg, Girsgrat, Knubelhütte). Eggiwil zählte noch im Jahr 1903 insgesamt 50 Alpen: Einige davon waren lange in herrschaftlichem Besitz, der Rämisgummen bildet da keine Ausnahme. Die adeligen Familien liessen sich oft in einem der Alpgebäude eine Sommerstube einrichten. Als Relikte der Alpwirtschaft sind da und dort noch Käsespeicher vorhanden, auf Hinter Rämisgummen sogar ein Zuckerhüttlein. Und wer weiss schon davon, dass es bis vor wenigen Jahrzehnten in der Hohlenfluh oder im Bärbach auch noch eine Art «Höhlenbewohner» gab?


Mehrere tausend Fotografien

Wir lesen noch viel anderes: vom zu früh gebauten Bahnhof der geplanten Bahnlinie Langnau–Thun, von der legendären Niederberg-Lehrerin Hilde Furer, von der «Bäre-Mueter» und ihrem Auftritt bei den Dreharbeiten zu «Uli der Knecht». Wir vernehmen, woher das «Stöckli» seinen Namen hat oder was die Internierten auf Siehen geleistet haben, wir hören von Flössern und Alphornbauern, und wir bekommen einen Einblick in das blühende Vereinsleben des Dorfes.

Das Buch ist reich bebildert mit vielen historischen Aufnahmen und Bildern aus der Gegenwart, vor allem von Hans Kern und Klaus Maurer. Über 3000 Fotos hat Klaus Maurer selber dazu beigetragen oder aufgearbeitet. Jedes Gebäude der Gemeinde, auch die zahlreichen bereits verschwundenen, ist mit Bild und Text dokumentiert. Klaus Maurer hat unzählige Stunden investiert, indem er als Ortskundiger Hans Minder bei dessen Besuchen auf den Höfen begleitet hat. Ruedi Wyss war, neben weiteren aufmerksamen Augen, für das Lektorat zuständig. Eine immense Arbeit auch das, 1200 Seiten auf ihre sprachliche Richtigkeit zu überprüfen! Simon Bichsel suchte nach Sponsoren. Und er wurde fündig: Innerhalb und ausserhalb der Gemeinde konnte der ehemalige Regierungsstatthalter auch dank seines Netzwerkes viele für das Projekt erwärmen. Von seinem Beruf her ist ihm das ganze bäuerliche Rechtswesen vertraut. Daneben hat er als gebürtiger Eggiwiler und langjähriger Familienforscher auch viel historisches Wissen eingebracht. Hans Minder, der Autor, hat all die zusammengetragenen Details zu einem Ganzen verbunden. Seine Kenntnisse über die unterschiedlichsten Themen der oberemmentalischen Vergangenheit lassen einen immer wieder staunen.


Jedes Gebiet ein Universum für sich

Das Werk ist in neun Kapitel eingeteilt, die den ehemaligen Schulkreisen entsprechen. Jeder dieser Kreise ist ein Stück weit bis heute in der weitläufigen Gemeinde ein eigenes Universum geblieben. Selten hat wohl einer vom Schönenwald etwas zu tun mit einem vom «Chadleme», oder einer vom Steinmösli mit denen vom Hohwürz. Die Bewohnerinnen des Chapf-Gebietes haben meist ihre eigenen Freuden und Sorgen, genau wie die Leute vom Leber oder vom Pfaffenmoos. «Wenn das Buch hilft, und davon bin ich überzeugt, dass man einander besser wahrnimmt, dass es die ohnehin stattfindende Zentralisierung erleichtert, dass es das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt, dann hat sich die Arbeit schon gelohnt», sagte Ruedi Wyss. Er ist überzeugt, dass das Heimatbuch auf Jahrzehnte hinaus ein wichtiges Archiv darstellen wird. «So manches konnte noch im letzten Moment festgehalten werden, bevor es vergessen wird.»

«Auch das Eggiwil-Buch hat seine Schwerpunkte und Spezialthemen», sagte Hans Minder. «Da ist beispielsweise die Wald- und Holzwirtschaft oder dann das vielfältige religiöse Leben, insbesondere auch die Geschichte der Täufer.»

Einem Nicht-Eggiwiler kann leicht schwindlig werden ob der Vielzahl von Gräben und Eggen, ob all den Namen mit -halde, -mösli, -schwand, -rüti, -boden, -berg, Hinter-, Vorder-, Unter-, Ober-. Vielleicht fällt es ihm auch schwer, über all die Familien Stettler den Überblick zu behalten. Kein Kummer: Man darf sich getrost einem Ortskundigen anvertrauen. Er oder sie werden uns gern an der Hand nehmen. Denn gewiss wird durch das Buch der Stolz wachsen, ein Eggiwiler oder eine Eggiwilerin sein zu dürfen.

03.04.2025 :: Ruedi Trauffer